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06.12.2012
 
Drohkulisse am Golf
Iran rüstet sich für den asymmetrischen Krieg
Von Kian Badrnejad
FOTOSTRECKE
U-Boote, Luftkissenboote, eine neue Fregatte - Irans Marine rüstet auf. Angesichts der massiven US-Militärpräsenz hat Teheran gleichzeitig die asymmetrische Kriegführung zur Doktrin erhoben. Wie glaubwürdig sind die Drohungen, im Kriegsfall die Straße von Hormus zu blockieren?
Teheran - "Donnerschlag", auf Persisch "Tondar", heißt der neue Stolz der iranischen Marine: ein Luftkissenboot, mit Raketenwerfern sowie Start- und Landeplattformen für Drohnen ausgestattet. "Tondar" ist nicht das einzige neue Waffensystem, das der iranische Marinekommandant Konteradmiral Habibullah Sajari vergangene Woche vorgestellt hat. Auch zwei leichte "Kadir"- ("Mächtig"-) U-Boote und den Rumpf einer neuen Raketenfregatte präsentierten Teherans Seestreitkräfte selbstbewusst. Angeblich sind alle Bestandteile der neuen Waffensysteme im Land selbst entworfen und gebaut worden. "Einen neuen Rekord in der Produktion von Seeverteidigungssystemen" habe Iran damit aufgestellt, sagte Sajari bei der Indienststellung der neuen Einheiten.
Auch Verteidigungsminister Ahmed Wahidi sprach von "gigantischen Fortschritten". Angesichts des Zustands der iranischen Marine ist das sicherlich nicht übertrieben: In einer Studie von 2006 berichtete der amerikanische Verteidigungsexperte Anthony Cordesman, die iranische Marine besäße neben diversen kleineren Booten nur drei U-Boote, drei Fregatten und zwei Korvetten.
Im Vergleich zur gewaltigen US-Militärpräsenz im Golf erscheint die iranische Aufrüstung eher mickrig: In Bahrain ist Washingtons Fünfte Flotte stationiert, die aus mehr als 20 Schiffen besteht, darunter ein Flugzeugträger der "Nimitz"-Klasse mit Begleitschiffen sowie verschiedene Zerstörer, Kreuzer und U-Boote. In Katar sitzt das regionale US Central Command mit seiner Luftwaffenbasis, von der aus in wenigen Minuten Luftunterstützung unterwegs sein könnte. Diesem Aufgebot hätten die Iraner wenig entgegenzusetzen.
Außerdem hat Washington Militärbündnisse mit den meisten Golfstaaten geschlossen, Kuwait und Katar besitzen gar den Status als "Major Non-Nato Ally", sind also bedeutende verbündete Staaten außerhalb der Nato.
Die Fregatten hat noch der Schah bei den Briten gekauft
Viele der iranischen Schiffe sind schon über 30 Jahre alt, sie wurden noch vor der Islamischen Revolution in Betrieb genommen. Einige der älteren Einheiten stammen aus westlicher Produktion, die drei Fregatten beispielsweise hatte noch der Schah in Großbritannien gekauft. Ersatzteile zu besorgen, ist für Teheran aufgrund der Sanktionen wegen des Atomprogramms fast unmöglich. Angesichts dieser Probleme klingen Behauptungen wie die von Verteidigungsminister Wahidi, Irans Marine sei "äußerst fähig", die nationale Sicherheit zu garantieren, eher trotzig.
Doch die Islamische Republik hat aus der Not eine Tugend gemacht: Offizielle Doktrin ist inzwischen die "asymmetrische Kriegsführung". Ursprünglich bezeichneten die Amerikaner mit diesem Begriff ihre Situation in Afghanistan und im Irak, wo sie trotz ihrer überlegenen Bewaffnung empfindliche Verluste erlitten. Feinde waren dort oft nicht von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden und bekämpften die US-Truppen mit nadelstichartigen Angriffen, Sprengfallen, Selbstmordattentaten.
Seeminen sollen Öltanker stoppen
Die zentrale Drohung der Iraner für den Fall eines amerikanischen oder israelischen Angriffs auf die Atomanlagen des Landes: Sie wollen die Straße von Hormus durch Seeminen sperren. Fast ein Fünftel des weltweit transportierten Öls wird täglich durch dieses Nadelöhr am Ausgang des Persischen Golfes geschifft.
Schlössen die Iraner die Straße von Hormus auch nur für kurze Zeit, wären die Auswirkungen auf die durch die Schuldenkrise angeschlagene Weltwirtschaft verheerend. Die Frage ist, ob das durch Sanktionen geschwächte iranische Militär zu einer solchen Blockade überhaupt in der Lage ist.
Anthony Cordesman geht in seiner Studie davon aus, dass Iran mindestens 2000 Seeminen besitzt, iranische Quellen berichten von 3000 bis 5000. Darunter sind so ausgefeilte Konstruktionen wie die chinesische E-52, die vom Meeresboden aus Raketen auf darüber schwimmende Schiffe abschießt.
Zwar hat Iran nur zwei oder drei echte Minenleger, doch die Sprengkörper können relativ leicht mit kleinen Booten oder sogar Helikoptern ausgebracht werden. Auch die iranischen "Kilo"-Klasse-U-Boote und die neuen "Kadir"-Modelle sind in der Lage, die Unterwasserbomben auszulegen. Daher lässt sich schwer einschätzen, wie schnell die Straße blockiert werden könnte.
Revolutionswächter investieren in schnelle Motorboote
Der Ausgang des Persischen Golfs ist an einigen Stellen nur rund 40 Kilometer breit und 80 Meter tief und eignet sich damit ideal für den Einsatz von Seeminen. Admiral Sajari hatte damit zuletzt im Dezember vorigen Jahres gedroht: Die Wasserstraße zu blockieren sei "einfacher, als ein Glas Wasser zu trinken".
Seitdem aber hat Washington reagiert und die Zahl seiner Minenräumboote im Juli auf acht verdoppelt und zusätzlich das Landungsschiff "Ponce" als schwimmende Einsatzzentrale im Golf stationiert. Einige Tage würden die Amerikaner und ihre Verbündeten wohl dennoch brauchen, um die Minen ausfindig zu machen und zu räumen.
In dieser Phase setzt ein anderer Plan aus der iranischen Asymmetrie-Doktrin an: Die Revolutionswächter haben in den vergangenen Jahren massiv in kleine Schnellboote investiert, die mit Raketenwerfern und Maschinengewehren ausgestattet sind. In regelrechten Schwärmen würden die kleinen Boote angreifen und die Minenräumer stören.
Aus deutschen Marinekreisen ist zu hören, Massen solcher Boote könnten "eine Minenräumoperation durchaus empfindlich stören". Die flachen Gewässer der Straße und die zerklüftete iranische Küstenlinie begünstigen solche Taktiken, während große Kriegsschiffe Schwierigkeiten beim Manövrieren hätten.
Donnerschlag per Luftkissenboot
Auch die neuen "Donnerschlag"-Luftkissenboote sind laut Verteidigungsminister Wahidi für die "asymmetrische Verteidigung" gedacht. Die Revolutionswächter besitzen außerdem zahlreiche Anti-Schiffs-Raketen wie die chinesische "Silkworm". Diese können nicht nur von den Fregatten, sondern auch von kleinen, schnellen Patrouillenbooten und sogar von Land aus abgeschossen werden.
Die Angriffe wären für die iranische Seite überaus verlustreich, könnten aber eine Räumung der Straße von Hormus verzögern und behindern. Nicht nur Minenräumer würden angegriffen, auch Tanker aus den mit Amerika verbündeten Golfstaaten wären nicht mehr sicher. Jeder Tag der Blockade zwänge die Weltwirtschaft tiefer in die Rezession.
Die kleinen Boote und Hovercrafts könnten außerdem gegen die US-Militärbasen in Katar und Bahrain eingesetzt werden. Auch die Emirate selbst würden wohl Ziel iranischer Angriffe werden. Selbst mobile Raketenabschussrampen an Land könnten ihre tödliche Fracht über den relativ schmalen Persischen Golf katapultieren.
Am Ende eines solchen Konflikts stünde trotz allem wohl die fast vollständige Zerstörung der iranischen Marine. Doch ähnlich wie Atomwaffen der Drohung und Abschreckung dienen, soll auch die "asymmetrische Verteidigung" möglichst gar nicht zum Einsatz kommen.
Am Tropf der Erdölwirtschaft
Denn auch für die Iraner wäre eine Sperrung der Straße von Hormus geradezu selbstmörderisch: Der Staat der Mullahs hängt am Tropf der Erdölwirtschaft, nahezu alle Devisen stammen aus dem Geschäft mit dem schwarzen Gold. Diese Quelle würde bei einer Blockade mit einem Schlag versiegen. Auch die Chinesen, derzeit noch recht treue Unterstützer Teherans, würden darunter leiden. Peking bezieht fast die Hälfte seiner Ölimporte aus der Golfregion.
Aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Iraner neben den Leben unzähliger Freiwilliger die Erträge ihrer Ölwirtschaft opfern: Auch als in den achtziger Jahren der irakische Diktator Saddam Hussein die Unruhen nach der Revolution nutzte, um den verhassten Nachbarn anzugreifen, kamen Seeminen und Raketen gegen Tanker zum Einsatz - trotz der verheerenden Auswirkungen auf die iranische Wirtschaft.
Damals aber war der Krieg bereits ausgebrochen, Iran kämpfte allein gegen den von den USA, Frankreich und den Golfstaaten unterstützten Irak. Der junge Gottesstaat hatte nichts zu verlieren, er rang ums bloße Überleben. Heute versucht Teheran stattdessen, einen Krieg durch glaubwürdige Drohungen zu vermeiden.
Das zeigen die Propagandamaßnahmen, die die Aufrüstung im Golf begleiten: Als die Iraner im Dezember 2011 das große Seemanöver "Welajat-90" ("Herrschaft-90") abhielten, stellten sie dazu jeden Tag einen eigens produzierten YouTube-Clip ins Internet.

Auch die Aufrüstung bei der Marine wird von täglich neuen Artikeln der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA und dem - den Revolutionswächtern nahestehenden - Portal Fars News begleitet. Bereits zwei Wochen vor der Inbetriebnahme stellten die Iraner ein Video ins Netz, in dem Verteidigungsminister Wahidi stolz die "selbst entwickelte Hochtechnologie" des neuen "Tondar"-Bootes anpreist. Stolz zitieren die iranischen Agenturen immer wieder auch - ironischerweise oft israelfreundliche - Think-Tanks wie das Washington Institute for Near East Policy, die vor der iranischen Gefahr warnen.

Die Drohkulisse steht. Doch solange das Teheraner Regime noch etwas zu verlieren hat, wird es wohl bei Worten und Machtgebärden bleiben.
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