SPIEGEL ONLINE
10.12.2012
 
Umstrittene Spekulanten
Studie verteidigt Agrar-Zocker
Von Martin Hesse
Getty Images
Sie verdienen an knappen Nahrungsmitteln, während Millionen Menschen hungern. Agrarspekulanten gelten als das personifizierte Böse. Doch jetzt konstatiert eine Studie: Die Zocker haben kaum Einfluss auf die Lebensmittelpreise - und helfen sogar Bauern, sich gegen Schwankungen abzusichern.
Frankfurt - Eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung dürfte die Diskussion um Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln neu anheizen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass spekulative Finanzgeschäfte mit Mais, Weizen oder Soja die Preise solcher Rohstoffe nicht signifikant nach oben getrieben haben. Die Forscher werteten 35 Studien aus, die sich in den vergangenen drei Jahren mit dem Thema beschäftigt haben.
"Die Preissteigerungen sind primär auf realwirtschaftliche Entwicklungen zurückzuführen", sagt Ingo Pies von der Uni Halle. Auch die Zunahme von Preisschwankungen sei anders zu erklären. Das starke Wachstum und zunehmender Wohlstand in bevölkerungsreichen Schwellenländern habe die Nachfrage nach Fleisch gesteigert und damit nach Agrarrohstoffen, die zur Fleischproduktion verfüttert werden. Weil in Jahren wie 2008 zugleich die Lagerbestände knapp waren, sei es in Folge von Angebotsschocks zu besonders starken Preisschwankungen gekommen. Weitere Faktoren waren Exportverbote auf dem Höhepunkt der Krise und die Subventionierung von Bio-Energie.
Die Autoren der Studie raten dementsprechend davon ab, Spekulanten den Zugang zu Warenterminmärkten zu erschweren. Erst die Spekulanten ermöglichten es Produzenten und Käufern von Agrarrohstoffen, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Wenn sich ein Bauer oder ein Lebensmittelproduzent mit einem Warentermingeschäft Planungssicherheit verschaffen will, sind es häufig Spekulanten, die als notwendige Gegenpartei in diese Preis-Wette eintreten.
Die Studie fordert aber, die Agrarmärkte besser zu regulieren und transparenter zu machen. Der Versuch, Agrarspekulation "moralisch an den Pranger zu stellen", habe hingegen die Aufmerksamkeit von den relevanten Optionen zur Bekämpfung akuter Hungerkrisen abgelenkt. Vor allem müsse das Angebot an Nahrungsmitteln erhöht werden.
Organisationen wie Oxfam kritisieren Agrarspekulation massiv und einige Banken, etwa die Commerzbank, sind aus dem Geschäft zuletzt ausgestiegen. Das Entwicklungshilfeministerium veranstaltet an diesem Dienstag eine Konferenz zu dem Thema.
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