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18.12.2012
 
Überarbeitete Postboten
"Sie fallen um wie die Fliegen"
Von Nicolai Kwasniewski
dapd
Lange Touren, massenhaft Überstunden, keine Pause - Zusteller der Deutschen Post beklagen harte Arbeitsbedingungen. Vor allem in der Weihnachtszeit steigt das Pensum der Postboten. Die Stimmung ist mies, viele halten den Job nicht mehr aus. Immer häufiger bekommen Kunden ihre Briefe zu spät.
Die Sonne scheint vom klaren blauen Winterhimmel, Schnee liegt auf den Straßen und Gehwegen. In den Schaufenstern der Boutiquen im feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf glitzert die Festtagsdekoration. Andrea Kiesel hat kaum Zeit, um die vorweihnachtliche Stimmung zu genießen. Sie muss den Menschen die Post bringen. Gerade in den letzten Wochen des Jahres gibt es eine Menge zu tun.
Kiesel lässt sich den Stress nicht anmerken. Die Briefträgerin grüßt gut gelaunt, seit 24 Jahren ist sie im Bezirk, man kennt sich. Ein böses Wort kommt kaum über ihre Lippen. Vielleicht wurde sie deshalb von der Pressestelle der Post vermittelt.
Dass der Konzern seiner Mitarbeiterin viel abverlangt, wird dennoch schnell klar, wenn man Kiesel in die Gründerzeitbauten hinein begleitet. Im Laufen sortiert die 46-Jährige auf dem Weg vom Fahrrad zum Fahrstuhl drei verschiedene Werbesendungen zwischen die Briefe. Gut, dass sie inzwischen genau weiß, wer Reklame akzeptiert und wer nicht. Sonst könnte sie die Zeitvorgaben für ihre Tour kaum schaffen. Im Laufschritt eilt sie die Treppen hinab und sagt, dass sie ihre Arbeit mag, auch wenn sich ihr tägliches Pensum stetig erhöht habe: Ihr Bezirk umfasst mittlerweile viermal so viele Straßen wie früher, Pausen macht sie nicht mehr.
Was den Arbeitsdruck angeht, ist Kiesel kein Einzelfall bei der Post. Was die gute Stimmung angeht, offenbar schon: Wer mit Briefträgern spricht, die nicht von der Pressestelle vorgeschlagen wurden, bekommt tief sitzenden Frust zu hören, manche sind regelrecht verzweifelt.
"Zusteller fallen um wie die Fliegen"
Zum Beispiel Tina Reine*: Schon nach vier Arbeitstagen hat sie am Donnerstag 43 Stunden gearbeitet, am Freitag fällt sie mit einer schweren Erkältung aus. Jetzt müssen die Kollegen ihren Bezirk mit bedienen, so wie sie das in den Tagen zuvor mit anderen Bezirken gemacht hat.
Seit Monaten gehe das so, klagt die 30-Jährige, die aus Angst vor Sanktionen ihren echten Namen nicht nennen will. An ihrer Arbeitsstelle in Baden-Württemberg, "fallen die Zusteller um wie die Fliegen", sagt sie. Die Folge: Viele Haushalte im Südwesten bekommen ihre Post verspätet, Geschäftsleute, die auf pünktliche Sendungen angewiesen sind, beklagen tagelange Ausfälle.
Der Krankenstand bei den Zustellern liegt laut Post in diesem Jahr bei fünf Prozent - allerdings ohne langzeitkranke Arbeitnehmer. Laut Geschäftsbericht steigt der Krankenstand im Gesamtkonzern seit 2005 kontinuierlich von damals 5,3 Prozent auf 7,4 Prozent im Jahr 2010 - doppelt so hoch wie der bundesweite Durchschnitt. In einigen Regionen liegt der Wert aber den Gewerkschaften zufolge schon weit über zehn Prozent.
Die Software gibt den Takt vor
Seit Jahren steige das Arbeitspensum, klagen die Briefträger, die Bezirke würden größer, die Zeit immer knapper. Für den Zuschnitt der Bezirke ist bei der Post das "IT-gestützte Bemessungs- und Informationssystem", kurz Ibis, zuständig, eine Software, die festlegt wie lange ein Briefträger für die Zustellung brauchen darf. Durchschnittlich angeblich gut vier Sekunden pro Brief, über Einzelheiten schweigt die Post.
Um zu messen, wie viele Sendungen ein Zusteller zu bewältigen hat, ist jeder Bezirk in rund 50 Zählabschnitte unterteilt. Jeden Tag müssen die Postler, wie sie sich selbst nennen, auf zweien dieser Abschnitte die zugestellten Sendungen zählen. Ausnahmslos alle Briefträger, die sich dazu äußern sind der Meinung, dass an dieser Stelle manipuliert wird.
Zustellerin Reine gibt ein Beispiel aus ihrem Bezirk: In einer Straße mit vielen Arztpraxen lief just am Zähltag nur ein einziger Brief auf. Am Folgetag war es dagegen - wie gewohnt - gleich ein ganzer Sack. Reine vermutet, dass die Sortiermaschinen manipuliert werden, um die Zustellbezirke groß und die Zahl der notwendigen Mitarbeiter klein zu rechnen. Selbst die Vorzeigepostbotin Kiesel hat diese Beobachtung gemacht. Die Post bestreitet vehement, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, das Sendungsaufkommen so genau zu steuern.
Wer Recht hat, ist unklar. Allein aber dass die Mitarbeiter den Verdacht hegen, es würde manipuliert, zeigt wie rau das Arbeitsklima offenbar in Teilen der Deutschen Post geworden ist. Dazu kommt das Misstrauen des Arbeitgebers: Reine berichtet von Autos mit den Kennzeichen BN-PY oder BN-PZ, die ihr auf ihren Touren folgen - es seien, so vermutet Reine, Kontrolleure der Deutschen Post AG.
Anonyme Klagen im Internet
Fakt ist: Viele Bezirke sind so groß, dass die Zusteller sie nicht mehr innerhalb der Höchstarbeitszeit von zehn Stunden und 45 Minuten schaffen. Dann müssen sie laut Betriebsvereinbarung mit Ver.di die Tour abbrechen - und den nicht bewältigten Abschnitt am nächsten Tag zusätzlich bedienen.
Bei der Post jemanden zu finden, dem es geht wie Reine, ist nicht schwierig. Mit seinem Namen in die Öffentlichkeit gehen will aber keiner. In der Anonymität des Internets klagen Briefträger sogar über schlaflose Nächte, in denen sie ihre Touren planen, weil sie nicht wissen, wie sie das Pensum bewältigen sollen. Sie kommen dann eine Stunde früher zur Arbeit und ziehen damit den Zorn der Kollegen auf sich. Neue Mitarbeiter, so berichten es die Zusteller, verlören schon kurz nach der Einarbeitung die Nerven und reichten ihre Kündigung ein.
Vor fünf Jahren gründeten Briefträger ein Forum im Internet, um nach eigener Aussage auf Missstände in der Zustellbranche aufmerksam zu machen - nicht nur beim Marktführer Deutsche Post AG. Klar, so ein Forum ist immer auch ein Sammelbecken der Unzufriedenen, es kann niemals repräsentativ sein. Viele der hier geschilderten Vorwürfe finden sich in dem Forum wieder, meist sehr viel schärfer formuliert. Fünf Jahre lang existierte das Postbotenforum, just während der Recherche zu diesem Artikel wurde es sang- und klanglos gelöscht - eine Erklärung gab es dafür nicht.
Gute Werte bei der Mitarbeiterbefragung
Ein ganz anderes Bild zeichnet die jährliche postinterne Mitarbeiterbefragung (MAB): Seit Jahren steigt laut Geschäftsbericht die Zahl der beantworteten Fragebögen und parallel dazu die Zufriedenheit mit der Arbeitsstelle - in der Brief- und Paketzustellung auf 75 Prozent, wie die Post mitteilt. Andererseits scheint es unmöglich einen Zusteller zu finden, der die MAB beantwortet hat. Selbst die Vorzeigebriefträgerin Kiesel lehnt das ab, ihre persönliche Meinung behalte sie für sich, sagt sie, während der Pressesprecher neben ihr steht.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hält die Belastungsgrenze der Zusteller für erreicht, die Post würde ihre Mitarbeiter "unzumutbar auslutschen". Zustellerin Reine beklagt sich nicht über ihr Gehalt von rund 1300 Euro netto, das sei angemessen, gut sogar. Langjährige Mitarbeiter kommen auf bis zu 1900 Euro. Bei der extremen Arbeitsbelastung fürchtet Reine aber, ihren Beruf nicht mehr lange ausüben zu können. Der Druck steige von Jahr zu Jahr weiter. Sie vermute, das fange in der Konzernspitze an und gehe über die Niederlassungen und Zustellstützpunkte runter bis an die Zusteller.
Tatsächlich steht auch Post-Chef Frank Appel unter Druck, nämlich dem der Aktionäre. Auch in der Briefsparte sind die guten Jahren vorbei: Lag die Umsatzrendite im Jahr 2008 noch bei 15,1 Prozent, hat sie sich bis 2011 auf 7,9 Prozent nahezu halbiert. Das Unternehmen versucht seit Jahren, die Kosten zu senken. Tausende Postfilialen wurden geschlossen, Zehntausende Briefkästen abgebaut.
Die Folgen bekommen mittlerweile nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden zu spüren: In manchen Bezirken haben die Zusteller so viele Überstunden angehäuft, dass sie die kaum noch in Freizeit abgelten können - und deshalb schneller krank werden. In einigen Hamburger Bezirken beispielsweise lag der Krankenstand laut Post immer wieder bei über zehn Prozent. Vor allem montags blieben Briefe in Norddeutschland immer wieder liegen. Viele Kunden sind genervt, in Regionalzeitungen in ganz Deutschland finden sich Berichte über ganze Bezirke, in denen tagelang keine Post mehr kommt.
Die Situation scheint wieder ähnlich schlimm zu sein wie vor drei Jahren. Damals hagelte es bundesweit Beschwerden über Verspätungen und Ausfälle, die Bundesnetzagentur drohte der Post sogar mit rechtlichen Schritten wegen der Mängel. Damals wie heute weist der Konzern solche Vorwürfe zurück: Es handle sich um regionale Unregelmäßigkeiten - 95 Prozent der Briefe würden am Folgetag zugestellt. Es scheint wie bei der Bahn zuzugehen: Fast alle Züge sind pünktlich - nur niemals der, in dem man selbst sitzt.
 
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