SPIEGEL ONLINE
18.12.2012
 
Geldmanager in der Kritik
Große Koalition gegen Deutsche-Bank-Chef Fitschen
Getty Images
Politiker von Union, FDP und SPD empören sich über Jürgen Fitschens Beschwerde bei Hessens Landeschef Volker Bouffier. Der Chef der Deutschen Bank hatte sich über die Razzia in der Konzernzentrale beklagt. Forderungen werden laut: Fitschen solle auf den Chefposten beim Bankenverband verzichten.
Frankfurt am Main - Die Empörung über Jürgen Fitschen wächst - und sie zeigt Wirkung. Nach seiner Beschwerde bei der Landespolitik über die Steuerrazzia macht der Chef der Deutschen Bank offenbar einen Rückzieher. Er bedaure seinen Anruf bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), er halte diesen inzwischen für einen Fehler, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt am Montag aus dem Umfeld des Managers. Damit wurde ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung" bestätigt.
Fitschen hatte sich nach der Durchsuchung der Bank am Mittwoch bei Bouffier beklagt, dass der massive Polizeieinsatz verheerend für das Image des Geldhauses sei. Der Konzern und die Staatskanzlei in Wiesbaden hatten einen entsprechenden SPIEGEL-Bericht bestätigt. Regierungssprecher Michael Bußer sagte: "Der Ministerpräsident hat klargemacht, dass es staatsanwaltschaftliche Ermittlungen sind, in die er sich nicht einmischen könne." Bouffier ergänzte am Montag lediglich, der Anruf habe ihn am Rande der Landtagssitzung erreicht.
Dass sich der Manager, der die Deutsche Bank seit Juni gemeinsam mit Anshu Jain führt, zu dem Anruf bei Bouffier hinreißen ließ, sorgt für heftige Kritik in der Politik. Unter anderem wird nun Fitschens künftige Rolle als Chef des Bundesverbands Deutscher Banken (BdB) in Frage gestellt.
"Teilnahme an einem Kurs in Staatsbürgerkunde"
SPD-Politiker legen Fitschen nahe, auf den Posten zu verzichten. "Der Bankenverband muss wissen, von wem er sich wie repräsentieren lassen möchte", sagte der rheinland-pfälzische Finanzminister Carsten Kühl (SPD) Handelsblatt Online. Er fügte hinzu: "Herr Fitschen muss wissen, was in seiner Situation die angemessene Reaktion ist." Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner. Er sagte über Fitschens Anruf bei Bouffier: "Vielleicht sollte sein nächstes Ziel eher die Teilnahme an einem Kurs in Staatsbürgerkunde sein und nicht die Präsidentschaft beim Bankenverband."
Der Verband hält dennoch daran fest, Fitschen im nächsten Jahr zum Präsidenten zu machen. BdB-Präsident Andreas Schmitz sagte der "Süddeutschen Zeitung", Fitschen werde wie vorgesehen sein Nachfolger. Die Frage nach einem Abrücken von diesem Plan stelle sich nicht. "Fitschen ist der Richtige an der Spitze des Verbandes."
Auch aus den Reihen von Union und Liberalen wächst die Kritik an dem Manager. Hessens Vize-Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn (FDP) sagte der "Bild"-Zeitung: Es sei "unglaublich", dass ein gestandener Banker wie Jürgen Fitschen auf die Idee komme, sich bei der Politik über die Arbeit der Ermittlungsbehörden zu beschweren. "Niemand steht in Deutschland über dem Rechtsstaat. Herr Fitschen macht den Eindruck, dass er das nicht verstanden hat", hatte Unions-Fraktionsvize Michael Meister dem "Handelsblatt" gesagt.
Fitschen will Kulturwandel durchziehen
500 Fahnder hatten am Mittwoch unter anderem die Zentrale des Dax-Konzerns in Frankfurt durchsucht. Ermittelt wird wegen schwerer Steuerhinterziehung, Geldwäsche und versuchter Strafvereitelung beim Handel mit Luftverschmutzungsrechten (CO2-Zertifikate). Die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft hat 25 Beschäftigte im Visier, darunter Fitschen selbst und Finanzvorstand Stefan Krause. Die beiden Vorstände hatten die - später korrigierte - Steuererklärung für das Jahr 2009 unterschrieben. Fünf Mitarbeiter wurden verhaftet, vier davon blieben zunächst in Untersuchungshaft. Fitschen hatte die Aktion kurz danach in einem Interview als "überzogen" bezeichnet.
Ein Sprecher der Deutschen Bank bekräftigte: "Wir werden alle Detailvorwürfe prüfen." In dem Verfahren, das im April 2010 mit einer ersten Razzia bei Deutschlands größtem Geldhaus öffentlich geworden war, waren im Dezember 2011 sechs Bankkunden als Betreiber von Umsatzsteuerkarussells zu Haftstrafen verurteilt worden. Vor einigen Monaten suspendierte der Konzern mindestens fünf Händler, die an dem illegalen Zertifikatehandel beteiligt gewesen sein sollen.
Fitschen will den für sein Haus versprochenen Kulturwandel nach eigenen Worten trotz der Turbulenzen "durchziehen". "Wir stehen in der Kritik - zurecht", sagte er am Montag bei einer Diskussionsveranstaltung in Essen. Die Vergangenheit wolle Deutschlands größtes Geldhaus nun aber "abarbeiten". Kein Bankgeschäft sei gut, wenn es das Vertrauen in das Institut erschüttere, betonte Fitschen erneut. Letztlich entschieden die Kunden, welche Banken überleben würden.
Fitschen hatte nach Übernahme der Führung versprochen, es werde keine windigen Geschäfte mehr geben. Doch das Haus muss noch eine ganze Reihe von Skandalen aus der Vergangenheit aufarbeiten, die sehr teuer werden könnten: Hypothekenklagen in den USA gehören ebenso dazu wie die Verstrickung in die Manipulation von Referenz-Zinssätzen und der Steuerbetrug beim Handel mit CO2-Zertifikaten.
 
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