SPIEGEL ONLINE
02.01.2013
 
TV-Kultserie "Der Tatortreiniger"
Der letzte Dreck
Von Christian Buß
FOTOSTRECKE
Irritiert Sie die Überschrift da oben? Tja, am liebsten würden die Macher vom "Tatortreiniger" ihre grandiose TV-Serie genauso nennen. Wenn sie denn dürften. Jetzt gibt es drei neue Folgen um den Wisch-und-weg-Philosophen Schotty. Große Fernsehkunst im Kleinformat.
Der letzte macht den Dreck weg. In diesem Fall ist das Heiko "Schotty" Schotte, der mit Schnauzer, Künstlerzöpfchen und breitem Hamburgisch jedem sofort klarmacht: Mich schockt gar nichts. Schotty übernimmt, wenn alle anderen fort sind. Die Ermittler zurück an ihren Schreibtischen, die Leichen im Leichenschauhaus, die Hinterbliebenen geflüchtet aus den Mordhäusern. Dann schrubbt Schotty weg, was vom Menschen nach einer Bluttat eben so übrig bleibt. Versprengte Knorpel, zersplitterte Knochen, rote Lachen. Den letzten Dreck eben. Ein einsamer Job, ein stolzer Job.
Die Serie "Der Tatortreiniger" führt ein ähnlich stolzes Schattendasein wie ihr Held. Wenn all die echten oder vermeintlichen TV-Hits abgespult sind, wenn die ARD endlich all ihre Produktionsleichen ins Programm entsorgt hat, wenn eigentlich nur noch Wiederholungen laufen, dann schlägt Schottys große Stunde. Im Nachtprogramm des Ersten. Oder beim Neujahrskater im Dritten.
Nein, diese Sendung hatte es nie leicht. Zwar ließ sich der NDR dazu hinreißen, beim "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen das ungewöhnliche Projekt mit Ein-Mann-Ensemble Bjarne Mädel in Auftrag zu geben - die Entwicklung und Ausstrahlung indes zog sich. Dann kam die Sache ins Rollen: Auf Ausstrahlungen zu nachtschlafender Zeit folgten euphorische Zuschauerreaktionen, später wurden sämtliche relevanten Fernsehpreise abgeräumt, bei den Kauf-DVDs schlugen die Fans zu wie bei einem leckeren Leichenschmaus.
Hose runter, Rede halten
Nach den vier Folgen der ersten "Staffel" gab der NDR also drei weitere in Auftrag, die jetzt im Dritten gesendet werden. Mittwoch ab 22.00 Uhr laufen zwei neue Episoden, Donnerstag eine neue und eine alte. Der Titel ist immer noch der gleiche. Eigentlich hatten die "Tatortreiniger"-Schöpfer gehofft, "Der letzte Dreck" durchsetzen zu können. Aber der Titel hat sich inzwischen so gut etabliert, dass es riskant gewesen wäre, nicht mit ihm zu arbeiten.
Andererseits mutet man dem Zuschauer mit dem "Tatortreiniger" mehr an Ironie zu, als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gängig ist. In den drei neuen Episoden (Drehbuch: Mizzi Meyer) unter anderem: Eine Unterhaltung über den Sinn des Lebens, die ein entlaufener, gar nicht mal unsympathischer Axtmörder mit Schotty führt, während er auf der Toilette sitzt und erfolglos gegen seine Verstopfungen andrückt. Ein Pop-Sternchen, das vor den pittoresk an der Wand klebenden körperlichen Überresten ihres Freundes um ein bisschen Privatfernseh-Publicity buhlt. Eine Diskussion über die vermeintliche Überlegenheit der deutschen Rasse, die Schotty vor blutbesprenkelter Hitler-Büste mit einem Burschenschaftler durchstehen muss.
Gerade letztere Episode - die den schönen Titel "Schottys Kampf" trägt und um die man in der Redaktion hart ringen musste - zeigt, wie viel Musik noch in dem "Tatortreiniger"-Konzept ist. Regisseur Feldhusen weitet hier das Kabinettstückchen in Richtung Kammerspiel-Action aus und stellt verrückte Dinge mit der Kamera an, während Autorin Meyer den Dialog für ein großes Debattierstück öffnet. Ja, darf man überhaupt mit einem Nazi reden? Wenn man über ein solch stabiles Weltbild verfügt wie der Wisch-und-weg-Philosoph Schotty - allemal! Rote Pfützen, brauner Sumpf, der kriegt am Ende alles saubergeputzt.
In der Nazi-Episode zeigt sich auch, dass der Tatortreiniger keineswegs eine skurrile Nullnummer ist. Schottys Argumentationsgeschick ist frappierend. Während der Held das eine oder andere Gehirn vom Teppich spachtelt, zeigt er auch immer wieder, wofür so ein Gehirn gut sein kann. Es geht hier nicht nur um letzten Dreck, sondern auch um letzte Wahrheiten. Stoizismus und Sophismus, Phlegma und Eloquenz, das alles passt bei Schotty ganz gut zusammen.
Jetzt muss es nur noch mit der Programmierung besser laufen. Doch der Fall "Tatortreiniger" bleibt schwierig. Gerade wurden noch einmal Einzel-Episoden in Auftrag gegeben. Ganze zwei Stück. Bleibt zu hoffen, dass die nicht erst zum Jahresanfangskater 2014 gezeigt werden.
"Der Tatortreiniger", Mittwoch und Donnerstag, jeweils 22 Uhr, NDR.
» MEHR KULTUR
» ZURÜCK ZUR HOMEPAGE
» ARTIKEL VERSENDEN
 
SUCHE IN SPIEGEL MOBIL
Politik | Wirtschaft | Börse | Panorama | Sport | Kultur | Wissenschaft | Gesundheit | Netzwelt | Uni | KarriereSPIEGEL | Schule | Reise | Auto | Wetter | Ticker | Fotostrecken | Video | English Site | manager-magazin.de
» Zum mobilen RSS
» NACH OBEN
© SPIEGEL ONLINE
Impressum Alle Rechte vorbehalten