SPIEGEL ONLINE
20.12.2012
 
Kirch-Verfahren
Schon wieder Razzia bei der Deutschen Bank
dapd
Es ist schon die zweite Durchsuchung binnen einer Woche: Fahnder haben in der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt Unterlagen beschlagnahmt. Dieses Mal geht es um einen möglichen Betrug im Zusammenhang mit dem Kirch-Prozess.
München/Frankfurt am Main - Die Deutsche Bank kommt nicht zur Ruhe. Zum zweiten Mal innerhalb von einer Woche durchsuchten Ermittler die Bankzentrale in Frankfurt am Main. Wie die Bank bestätigte, ging es dabei um einen möglichen Betrugsversuch im Kirch-Prozess. Bei der Durchsuchung seien Unterlagen sichergestellt worden, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch am Donnerstag in München. Mitarbeiter wurden diesmal nicht festgenommen.
Die Razzia fand bereits am Mittwoch statt, wurde jedoch erst jetzt bekannt. Beobachtern zufolge war sie deutlich unauffälliger als die letzte Durchsuchung: Am Mittwoch vergangener Woche hatte die Frankfurter Staatsanwaltschaft rund 500 schwerbewaffnete Polizisten das Gebäude filzen lassen. Dabei ging es um den Verdacht auf Umsatzsteuerbetrug mit CO2-Emissionszertifikaten. Laut einem Vorabbericht der "Süddeutschen Zeitung" hing die Razzia mit der vor einer Woche zusammen. Damals seien Unterlagen beschlagnahmt worden, die auch für den Prozessbetrugsfall bedeutsam seien.
Das seit einem Jahr laufende Ermittlungsverfahren zum Kirch-Prozess richtet sich gegen die früheren Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann und Rolf Breuer, Ex-Aufsichtsratschef Clemens Börsig und den einstigen Personalvorstand Tessen von Heydebreck. Die Münchner Justiz verdächtigt sie, im Schadensersatzprozess der Insolvenzverwalter und Erben des Medienunternehmers Leo Kirch gegen die Deutsche Bank falsch ausgesagt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte die Deutsche Bank deshalb im November 2011 schon einmal durchsucht.
Das Oberlandesgericht München hatte die Deutsche Bank am vergangenen Freitag grundsätzlich zu Schadensersatz an die Kirch-Erben verurteilt und eine Zahlung zwischen 120 Millionen und 1,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Steinkraus-Koch erklärte, die Staatsanwaltschaft wolle jetzt feststellen, wie sich die vier Beschuldigten auf ihre Zeugenaussagen vorbereitet hatten und wie sich die Deutsche Bank verhalten habe. Die Staatsanwaltschaft vermute Absprachen untereinander, hieß es aus Bankkreisen.
Ein Schluss des Ermittlungsverfahrens ist nicht in Sicht. Der Kreis der Beschuldigten sei unverändert, jetzt würden die Unterlagen ausgewertet, sagte der Staatsanwalt. Die Bank bestätigte die Durchsuchungen. Man sei weiterhin überzeugt, dass sich die Vorwürfe als unbegründet erweisen werden, sagte ein Banksprecher.
Kampf an vielen Fronten
Außerdem muss sich die Deutsche Bank weltweit mit weiteren Rechtsstreitigkeiten auseinandersetzen, unter anderem wegen Falschberatung bei Hypothekengeschäften in den USA. Experten erwarten angesichts der vielen Klagen in den kommenden Jahren Sonderlasten in Milliardenhöhe.
Vorläufig entschieden wurde am Mittwoch der Prozess wegen riskanter Zinswetten gegen Kommunen in Italien: Hier sprach ein Gericht in Mailand die Bank zusammen mit der Schweizer UBS, der deutsch-irischen Depfa und JP Morgan aus den USA des schweren Betrugs für schuldig. Es geht um komplexe Zinsgeschäfte der Bank mit der Stadt Mailand.
Teuer kann für das Institut auch der Streit um Manipulationen des weltweiten Referenzzinssatzes Libor werden. Die Bank ist eines von mehr als einem Dutzend Geldhäuser, gegen das ermittelt wird. Die UBS musste in dieser Woche mehr als 1,1 Milliarden Euro zahlen, Experten rechnen auch bei anderen Instituten mit satten Strafen.
Verhaftete Mitarbeiter kommen frei
Unterdessen wurde bekannt, dass alle bei der Razzia in der vergangenen Woche verhafteten Mitarbeiter wieder aus der Untersuchungshaft freikommen. "Die drei noch inhaftierten Beschuldigten werden heute noch entlassen", sagte der Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, Günter Wittig, am Donnerstag. Der Haftgrund der Verdunklungsgefahr sei entfallen.
Das könnte bedeuten, dass die Ermittler alle Beweise gesichert haben. Denkbar ist aber auch eine umfassende Aussage des Beschuldigten. Ursprünglich waren fünf Mitarbeiter des Instituts wegen des Verdachts der Geldwäsche beziehungsweise der versuchten Strafvereitelung verhaftet worden.
 
Zum Thema:
 Italien: Gericht verurteilt Deutsche Bank wegen schweren Betrugs
 Libor-Manipulation: UBS zahlt Milliardenstrafe für Zinsskandal
 Streit mit Kirch-Erben: Gericht kippt Wahl von Chefaufseher der Deutschen Bank
 Geldmanager in der Kritik: Große Koalition gegen Deutsche-Bank-Chef Fitschen
 Telefonat mit Bouffier: Empörung über Anruf des Deutsche-Bank-Chefs
 Urteil: Deutsche Bank muss Kirch-Erben Schadensersatz zahlen
 Ärger mit der Justiz: Die dunkle Seite der Deutschen Bank
 Verdacht auf Betrug mit CO2-Zertifikaten: Razzia in der Zentrale der Deutschen Bank
» MEHR WIRTSCHAFT
» ZURÜCK ZUR HOMEPAGE
» ARTIKEL VERSENDEN
 
SUCHE IN SPIEGEL MOBIL
Politik | Wirtschaft | Börse | Panorama | Sport | Kultur | Wissenschaft | Gesundheit | Netzwelt | Uni | KarriereSPIEGEL | Schule | Reise | Auto | Wetter | Ticker | Fotostrecken | Video | English Site | manager-magazin.de
» Zum mobilen RSS
» NACH OBEN
© SPIEGEL ONLINE
Impressum Alle Rechte vorbehalten