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07.01.2013
 
Folgen der Sanktionen
Irans Wirtschaft fürchtet den Absturz
Von Farnaz Fassihi und Jay Solomon, Wall Street Journal Deutschland
Getty Images
Die iranische Führung gibt sich im Atomstreit mit dem Westen hart. Doch selbst Experten sind überrascht, welch gravierende Folgen die Sanktionen haben. Weil die Regierung in Teheran nicht einlenkt, müssen Unternehmen und Bürger des Landes um ihre Existenz fürchten.

Als die mittelständische Firma Bam Shargh Isogam, ein Hersteller von Dämmfolien für Hausdächer, die Folgen der Sanktionen spürte und bei der iranischen Regierung um Hilfe bat, bekamen die Manager diese Antwort: Die Qualität reduzieren und die Produktion zurückfahren. Das Unternehmen ersetzte daraufhin das höherwertige, aus Europa importierte Material durch billige heimische Produkte und entließ mehr als die Hälfte seiner 350 Mitarbeiter. Der Rest erhielt vier Monate lang keinen Lohn.
"Vom Eigentümer bis zum Arbeiter am Fließband ist niemand sicher", sagt Manager Bijan, der seinen Nachnamen nicht öffentlich machen möchte. "Unser Land steht vor einem wirtschaftlichen Desaster".
Die westlichen Sanktionen gegen Iran und jahrelange Misswirtschaft haben den Unternehmen und der Währung des Landes arg zugesetzt. Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds ist die Wirtschaftsleistung 2012 um fast ein Prozent gesunken, nachdem in den Jahren zuvor die Wachstumsrate meist über sechs Prozent gelegen hatte. Laut IWF könnte es in Iran 2013 wieder Wachstum geben - dies sei aber wegen des Zusammenbruchs der Währung, der Inflation und des Rückgangs der Ölexporte wenig wahrscheinlich.
Die USA haben seit der islamischen Revolution 1979 Sanktionen gegen Iran verhängt. Aber vor allem neue Gesetze aus dem Jahr 2010 haben den finanziellen Kampf gegen das Regime in Teheran verschärft. Sie sind eine Reaktion auf das iranische Atomprogramm. Westliche Staaten glauben, dass Teheran an Nuklearwaffen arbeitet; die iranische Regierung weist das zurück.
Ein komplettes Handelsembargo rückt näher
US-Präsident Barack Obama hat neue Sanktionen unterschrieben, mit denen ein komplettes Handelsembargo gegen Iran immer näher rückt. Mit dem Gesetz soll verhindert werden, dass Teheran sein Öl gegen Gold und andere Edelmetalle tauscht. Zudem stehen deutlich mehr iranische Unternehmen aus den Branchen Energie, Schifffahrt und Finanzen auf der Schwarzen Liste.
Die Zwangslage wird im Land seit Monaten immer stärker spürbar. Seit die Europäische Union im Juli die Einfuhr von iranischem Öl verboten hat, fehlt der wichtigste Exportmarkt. Im September verlor die Landeswährung Rial in einer Woche fast 30 Prozent ihres Werts. Die Regierung stellte daraufhin die Wechselkurssubventionen für Reisende und Studenten ein, und auch die Unterstützung für Importeure wurde auf Lebensmittel und Medizinprodukte beschränkt.
Analysten bezweifeln aber, dass es auf kurze Sicht zu einem Staatsbankrott kommt. Sie glauben, dass die Devisenreserven mit dem Einbruch der Ölexporte angegriffen wurden, aber noch keinesfalls erschöpft sind. Anfang 2012 dürfte das Land dank jahrelang sprudelnder Öleinnahmen noch mehr als 100 Milliarden Dollar an Devisenreserven gehalten haben. Bis zum September wurde damit erfolgreich der Rial gestützt.
Arme können sich kein Fleisch mehr leisten
Für viele Iraner ist die Krise schon sehr präsent. Selbst für Familien aus der Mittelschicht sind Bücher und Zeitschriften zum Luxus geworden. Wer arm ist, kann die stark gestiegenen Preise für Fleisch und Geflügel nicht zahlen. "Wir haben nach und nach auf Milch, Joghurt und Butter verzichtet. Die Preise stiegen täglich, und wir können uns das nicht leisten", sagt Ameneh, eine 45-jährige Hausfrau und Mutter aus Teheran, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte.
Selbst Regierungsvertreter gestehen ein, dass das Land unter dem wirtschaftlichen Druck leidet. Gholamreza Mesbahi Moghadam, Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Parlament, erklärte kürzlich, dass die Ölexporte auf unter eine Million Barrel am Tag gefallen seien. Vor einem Jahr waren es noch 2,5 Millionen Barrel. 2012 hat der Staat laut Moghadam ein Defizit von 60 Milliarden US-Dollar verzeichnet.
Pragmatiker setzen auf eine Einigung mit dem Westen
Ein Ergebnis der Wirtschaftsblockade ist das Wiederaufleben des Tauschhandels in der Region. Für sein Öl erhält Iran keine Dollar mehr, sondern Weizen und Tee aus Indien, Reis aus Uruguay, Fleisch und Obst aus Pakistan. Aus China kommen Waren von Reißverschlüssen bis hin zu Ziegelsteinen. "Das ist zwar eine Methode, die Sanktionen zu umgehen, aber langfristig wirft das die Wirtschaft zurück", sagt Dariush Zahedi, Politikwissenschaftler an der University of California in Berkeley, der die Auswirkungen der Sanktionen auf die iranische Gesellschaft erforscht.
Die Basarhändler traten im September in den Streik
Die Basarhändler, eine wichtige Fraktion der iranischen Wirtschaft, traten im September in den Streik. Demonstrationen endeten erst mit der Drohung der Sicherheitsbehörden, die Gewerkschaftsvorsitzenden zu verhaften und den Mitgliedern die Lizenz zu entziehen. Fabrikarbeiter protestierten wiederholt vor dem Parlament. Im Oktober traten die Fahrer von Lastwagen, mit denen Heizöl und Benzin in die Stadt Isfahan gebracht werden, zwei Tage in den Ausstand. Eine der größten Städte des Irans war damit von der Versorgung abgeschnitten. Die Kosten für die Lebenshaltung und die Wartung der Lastwagen sind durch die Decke gegangen, während die Bezahlung der Fahrer gleich blieb.
Der Dämmfolien-Hersteller Bam Shargh Isogam gehört zu einer von 160 Fabriken im Industriegebiet von Delijan. Die 50.000-Einwohner-Stadt liegt etwa drei Autostunden südlich von Teheran entfernt und galt einst als Musterbeispiel für Wirtschaftswachstum. In den vergangenen zehn Jahren entstanden in der abgelegenen Region Hunderte Werke, die von Baumaterial über Farbe und Industriefasern zahlreiche Produkte herstellen. Es gab mehr als genug Arbeitsplätze für alle, die Baubranche boomte wegen vieler Zuwanderer. Eine Universität eröffnete eine Zweigstelle, die Kurse und berufliche Fortbildung für Arbeiter und ehrgeizige Jugendliche anbietet. Neben den Fabriken enstanden Dienstleister wie Caterer und Logistikunternehmen. Die Produkte aus Delijan gingen in den Irak, nach Afghanistan oder Turkmenistan.
Die Regierung strich die milliardenschweren Energiesubventionen
Die ersten größeren Probleme zeigten sich in Industriestädten wie Delijan im Jahr 2011. Das hatte zunächst gar nichts mit Sanktionen zu tun. Die Regierung strich die milliardenschweren Energiesubventionen - ein Schritt, der international gelobt wurde. Aber Volkswirte im In- und Ausland kritisierten die konkrete Umsetzung der Maßnahmen, besonders für die Industrie. Denn die Preise für Benzin, Strom und Wasser stiegen rasant. Eigentlich wollte Teheran 30 Prozent des gesparten Geldes - jährlich etwa 100 Milliarden Dollar - als Entschädigung an die Privatunternehmen zahlen. Doch dieses Geld kam nie an.
Gleichzeitig wurden aber Milliarden ausgegeben, um den Verbrauchern einen Ausgleich für die höheren Preise zu zahlen. Die Zentralbank hielt die Wechselkurse künstlich niedrig. Ein elfstelliger Dollarbetrag an Devisen ging dafür drauf, um billige Konsumgüter einzuführen. Als dann die Sanktionen im Jahr 2012 zu wirken begangenen, war das ein Schlag zu viel für die Unternehmer in Delijan. Einfache Vorgänge, wie etwa der Kauf von Ersatzteilen für alternde Maschinen, wurden zu einem unbezahlbaren und langwierigen Akt. Viele kleine Firmen mussten schließen. Die Größeren kämpfen oft gegen die Insolvenz, wie Gespräche mit Inhabern, Managern und Arbeitern zeigen. Der Abschwung weitet sich auch auf andere Branchen aus.
Im Restaurant Nader Ghazapazi essen vor allem Fabrikarbeiter. Vor fünf Monaten wurden täglich noch etwa 1250 Mahlzeiten bestellt - heute sind es nur noch 320, berichtet der Besitzer. Ein örtlicher Fuhrunternehmer hat derzeit 15 Lastwagen im Einsatz, die Produkte nach Teheran bringen. Es waren einmal 40. Ins Ausland liefert das Unternehmen gar nicht mehr.
Auch die Autoindustrie leidet
In ganz Iran ist die Lage ähnlich. Im Industriegebiet Alborz nahe der Stadt Qazvin suchen viele Fabriken nach Sparpotenzial. Manche schließen einen Tag zusätzlich pro Woche, streichen den bezahlten Urlaub und stellen ihren Arbeitern weniger kostenloses Essen zur Verfügung. Die fünf größten Molkereien des Landes haben im Oktober einen Brief an Staatsoberhaupt Chamenei gesendet. Darin klagten sie, dass ihnen das Aus drohe, wenn sich die Wirtschaftslage in den nächsten Monaten nicht bessere.
Die iranische Autoindustrie verzeichnete im vergangenen Jahr Produktionsrückgänge von 60 bis 80 Prozent, Hunderttausende Arbeitsplätze gingen laut Berichten verloren. Viele Zulieferer haben ihre Kapazität auf 40 Prozent gedrosselt, weil Bargeld und Rohstoffe fehlen, heißt es in einer Erklärung der Gewerkschaften.
Auch Studenten bekommen die Sanktionen zu spüren. Die 90.000 Auslandsstudenten bangen um ihre Existenzgrundlage, nachdem die Regierung die subventionierten Wechselkurse für sie gestrichen hat. Viele von ihnen brechen ihr Studium ab und kehren in die Heimat zurück, weil sich die Kosten für sie vervierfacht haben. Doch in Iran bestehen für sie kaum Perspektiven. "Es ist entmutigend. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um einen Abschluss machen zu können, und jetzt kann ich ihn mir nicht leisten", sagt Ali, der in Asien Betriebswirtschaft studiert.
Die Zentralbank will den Devisenfluss wieder ankurbeln
Wie groß die Auswirkungen der Sanktionen sind, hat in Washington viele Skeptiker überrascht. Noch vor zwei Jahren schwamm Teheran wegen der hohen Energiepreise und dem blühenden Handel mit Europa und Fernost im Geld. Beobachter glauben, dass auch die gestiegene Ölförderung im Irak, in Libyen und in den USA den Sanktionen zum Erfolg verholfen hat. Auch Saudi-Arabien hat sich bereit erklärt, bei Engpässen auf dem internationalen Ölmarkt auszuhelfen.
Eine Option für die iranische Regierung wäre es, wie in Kriegszeiten Benzin und Lebensmittel zu rationieren und den Außenhandel streng zu überwachen. Das Handelsministerium hat kürzlich eine Liste mit 75 Luxusartikeln von Autos bis Schokolade veröffentlicht, die nicht mehr importiert werden dürfen. Grundnahrungsmittel wie Weizen dürfen dagegen das Land nicht mehr verlassen.
Die Zentralbank will zudem den Devisenfluss wieder ankurbeln. Exporteure müssen alle Einkünfte im Ausland nach Iran zurückführen. "Die Geschäftsleute sind in den Kampf der Geistlichen mit dem Westen geraten", sagt ein Unternehmer, der in Iran und in Dubai tätig ist. "Das überleben wir nicht".
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