SPIEGEL ONLINE
07.01.2013
 
Debatte
"Nicht im selben Zimmer"
Von Clemens Höges
FOTOSTRECKE
Was ein gescheitertes Streitgespräch über die Dialogfähigkeit des Simon Wiesenthal Center sagt.
Es wirkte wie ein gänzlich unerwarteter Tritt in den Rücken, verpasst von jemandem, der eigentlich als harmlos gilt.
Am vorvergangenen Donnerstag veröffentlichte das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles seine aktuelle "Top Ten" der schlimmsten Antisemiten in aller Welt, die es seit 2010 immer gegen Jahresende gibt. Die jüdische Organisation hat einen guten Ruf, sicher auch, weil sie sich bei ihrer Gründung 1977 nach dem legendären Nazi-Jäger nennen konnte.
Und die vorderen Plätze in der Top Ten 2012 nehmen denn auch die üblichen Verdächtigen ein: Auf Platz 1 stehen Ägyptens Muslimbrüder, Platz 2 geht an das iranische Regime, das den Staat Israel vernichten will. Man möchte nicht auf einer Liste mit solchen Leuten stehen.
Aber auf Platz 9 findet sich ein prominenter deutscher Journalist: Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", Autor einer regelmäßigen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE, "Im Zweifel links" heißt sie.
Absurde Forderungen und E-Mails wie aus einer anderen Welt
Ein Skandal. Die SPIEGEL-Redaktion wollte herausfinden, was da passiert ist, warum Augstein auf der Liste gelandet war. Die Redaktion ist damit gescheitert. Aber dieses Scheitern sagt viel über Methoden und Haltung des Wiesenthal Center aus. Es geht um absurde Forderungen und Mails wie aus einer anderen Welt.
In den deutschen Zeitungen beginnt nach Veröffentlichung der Liste eine leidenschaftliche Debatte darüber, was berechtigte Kritik an der Politik des Staates Israel und was genau Antisemitismus ist. Die meisten Kollegen halten den Vorwurf gegen Augstein für absurd, aber der Polterkopf Henryk Broder, einst Autor beim SPIEGEL, vergleicht ihn gar mit einem Pädophilen, der sich für einen Kinderfreund hält.
Eine Art Schlusswort spricht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland: Er habe nie den Eindruck gehabt, Augsteins Texte seien antisemitisch, die Amerikaner hätten nicht genügend recherchiert. Sie seien wohl "ziemlich weit weg sozusagen von der deutschen Wirklichkeit", so Korn im Deutschlandradio Kultur.
Für den SPIEGEL ist das Thema knifflig: Jakob Augstein gehört zwar nicht zur Redaktion, er hat keinen Einfluss auf den Inhalt des Heftes. Augstein schreibt nicht einmal für das Blatt, SPIEGEL ONLINE hat eine eigenständige Redaktion.
Aber natürlich ist er der angenommene Sohn des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein. Und als Erben gehören ihm und seinen Geschwistern 24 Prozent des SPIEGEL-Verlags. Wir wollen ihn nicht angreifen, weil wir den Vorwurf gegen ihn für falsch halten. Und wir können ihn kaum verteidigen, weil jeder Leser erwarten würde, dass wir ihn verteidigen. Das würde jeden Satz entwerten.
Aber es gibt einen Weg: Wir glauben, die Leser können sich ihre eigene Meinung über die Vorwürfe bilden, wenn wir ihnen beide Positionen darlegen. Also wollen wir versuchen, ein Streitgespräch zu organisieren zwischen Jakob Augstein und demjenigen, der beim Simon Wiesenthal Center in Los Angeles für die Liste verantwortlich ist. Dann können die Kontrahenten ihre Argumente in aller Ausführlichkeit austauschen. Jakob Augstein stimmt telefonisch zu.
Aber wer sind die Leute in Los Angeles? Verantwortlich für die Liste ist Rabbi Abraham Cooper, geboren 1950, einer der Gründer des Zentrums. In der Nacht zum 3. Januar rufen wir ihn an, Los Angeles ist neun Stunden zurück. Die Frage: Würde er Jakob Augstein seine Vorwürfe ins Gesicht sagen und mit ihm darüber streiten - zum Abdruck im SPIEGEL? Rabbi Cooper erbittet 24 Stunden Bedenkzeit.
Broder nennt Augstein einen "lupenreinen Antisemiten"
Seine Antisemitismus-Belege auf der Top-Ten-Liste sind keine; man muss böswillig oder auf Krawall aus sein, um dahinter einen Antisemiten zu sehen: Das Zentrum führt fünf Zitate aus zwei Augstein-Kolumnen bei SPIEGEL ONLINE an, die Benjamin Netanjahus Regierung und Israels Politik kritisieren.
So zitierte Augstein mal Günter Grass, die Atommacht Israel gefährde den ohnehin brüchigen Weltfrieden. In einer anderen Kolumne kommentierte er, der palästinensische Gaza-Streifen sei ein Lager, in dem Israel seine eigenen Gegner großziehe. Etliche Journalisten, auch israelische, haben Ähnliches publiziert.
Das Härteste sind Zitate Broders, auf den sich die Amerikaner stützen. Er nennt Augstein einen "lupenreinen Antisemiten", einen "kleinen Streicher", nach Hitlers Propagandisten Julius Streicher. Broder pöbelt, aber er belegt nichts.
Immerhin, Cooper braucht keine 24 Stunden, bis er per Mail antwortet. Er bedankt sich für die "freundliche Anfrage", er sei bereit. Allerdings unter Bedingungen: "Wenn Sie mich mit ihm zusammen interviewen wollen, muss Herr Augstein sich vorher öffentlich für die Aussagen entschuldigen, die ihm den Platz auf der Liste eingetragen haben."
Ansonsten, so Rabbi Cooper, wolle er "nicht in demselben Zimmer mit Augstein sitzen".
Eine solche Ansage muss Augstein brüskieren, doch er reagiert sachlich, als ihm Coopers Antwort mitgeteilt wird. Natürlich wird er sich nicht für Kritik am Staat Israel entschuldigen, er ist Journalist.
Aber da Cooper die Anwesenheit Augsteins offenbar unerträglich findet, könnte man das Streitgespräch auch via Skype führen. Wenn die beiden Gesprächspartner in zwei Zimmern säßen, wie Cooper das will, müssten ihre Argumente schließlich auch irgendwie technisch übertragen werden. Sie würden ja kaum durch die Wände brüllen wollen. Und dann kann man ebenso gut per Internet debattieren.
"Keine Diskussion, solange sich Herr Augstein nicht entschuldigt hat"
Augstein mag Skype-Gespräche wegen der technischen Qualität nicht übermäßig, aber nun gut. Die Redaktion schickt Rabbi Cooper den Vorschlag und einen Plan, wie es technisch ablaufen könnte.
Doch Cooper verstärkt in seiner Antwort-Mail seine Ablehnung noch: "Ich werde nicht teilnehmen an irgendeiner Diskussion von Angesicht zu Angesicht - egal ob im selben Zimmer oder digital übertragen -, solange sich Herr Augstein nicht entschuldigt hat." Stattdessen hätte er gern eine Seite im SPIEGEL für sich, er will wohl den Lesern seine Vorwürfe ohne Gegenargumente unterbreiten können.
Am Freitagnachmittag schickt die Redaktion ihm die Frage, ob er denn zu einem normalen Interview bereit wäre. Ohne Augstein im Nebenzimmer. Im Prinzip ja, antwortet Cooper später. Doch da ist es zu spät, der Redaktionsschluss ist nahe. Sowieso hätte Cooper, das schreibt er noch mal, lieber seine eigene Seite im SPIEGEL.
Außerdem komme er in der letzten Januarwoche nach Deutschland. Dann könne man sich ja mal sehen.
Kann man.
 
Zum Thema:
 Antisemitismus-Vorwurf: Zentralrat der Juden verteidigt Jakob Augstein
 S.P.O.N.-Kolumnist: Gysi und Klöckner verteidigen Augstein gegen Antisemitismus-Vorwurf
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