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07.01.2013
 
Finanzen des Vatikan
Intrigenstücke um Macht und Geld
Aus Rom berichtet Hans-Jürgen Schlamp
AFP
Eintrittskarten nur noch gegen Bargeld: Die italienische Finanzaufsicht hat den Scheck- und Kreditkartenverkehr der Vatikanbank mit EU-Geldhäusern gestoppt. Neue Nahrung für den uralten Verdacht, dass über die Kirchenkonten Schwarzgeld gewaschen wird. Betroffen ist auch die Deutsche Bank.
Vorne im Petersdom große Oper in prächtigen Kostümen, hinter der Fassade dunkle Intriganten-Stücke um Macht und Geld: Das ist das Doppelgesicht des Kirchenstaates. Am Sonntag etwa weihte Papst Benedikt XVI. in einer prunkvollen Zeremonie im Petersdom seinen langjährigen Mitarbeiter und derzeitigen Privatsekretär Georg Gänswein zum Erzbischof. Im Publikum saßen Italiens amtierender Premier Mario Monti samt Gattin und weitere Polit-Prominenz.
Ein paar hundert Meter weiter erfuhren gleichzeitig überraschte Touristen, dass das Ticket für die vatikanischen Museen nur noch gegen Bargeld zu haben ist. Der Kredit- und EC-Kartenverkehr des Vatikan ist seit Jahresanfang eingestellt. "Technische Gründe", lautet die Erklärung im Kirchenstaat. Aber "technisch" sind die Gründe mitnichten: Die italienische Zentralbank - zugleich Aufsichtsbehörde über die Geldinstitute des Landes - hat der italienischen Tochter der Deutschen Bank untersagt, das Geld- und Kartengeschäft der Vatikanbank so wie bislang abzuwickeln. Damit ist die Vatikanbank vom Geschäftsverkehr mit italienischen und europäischen Banken weitgehend abgeschnitten.
Obskure Nummernkonten
Seit Jahren drängen die europäische und die nationale Aufsichtsbehörde die Bankiers des Papstes, die für alle EU-Institute vorgeschriebenen Regeln zur Verhinderung von Geldwäsche auch hinter den Vatikanmauern anzuwenden. Insbesondere anonyme Nummernkonten, deren Inhaber bei Überweisungen, Scheckeinlösungen und ähnlichen Transaktionen nicht erkennbar sind, gelten als verdächtig. In der Vergangenheit sollen sich Drittwelt-Diktatoren und Mafia-Treuhänder ebenso wie korrupte Politiker und reiche Steuerhinterzieher dieser Konten bedient haben. Genaues weiß man nicht - der Vatikan lässt niemanden in seine Geschäftsbücher schauen. Doch für solchen Verdacht sprechen viele Indizien.
Etwa die 30 Jahre alte Geschichte von Roberto Calvi. Der regierte das Geldhaus Banco Ambrosiano, wusch in großem Stil Gelder der Mafia und war zugleich mit Giovanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul VI., befreundet. Das verhalf ihm zu besten Kontakten und Geschäften mit der Vatikanbank und zu seinem Beinamen als "Bankier Gottes".
Er transferierte große Mengen Geld aus dem Vatikan illegal nach Polen, zur Unterstützung der Solidarnosc. Im Gegenverkehr leitete er Millionen der südamerikanischen Drogenmafia über die Vatikanbank auf "saubere" Konten. Calvi kümmerte sich auch um das Schwarzgeld von Parteien und das Vermögen korrupter Politiker, oft in enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Chef der Vatikanbank, Erzbischof Paul Kasimir Marcinkus. Als das alles aufflog, ging Banco Ambrosiano pleite, der Vatikan zahlte - "ohne Schuldanerkenntnis" - über 200 Millionen US-Dollar an die Insolvenzgeschädigten. Calvi floh nach London. Ein paar Tage später, am 18. Juni 1982, wurde er dort unter der Blackfriars Bridge gefunden - erhängt.
Ein paar Tage zuvor hatte er noch gedroht: "Wenn mir etwas zustößt, muss der Papst zurücktreten." Aber so kam es nicht. Nur Calvis Sekretärin fiel am Tag, als ihr Ex-Chef gefunden wurde, aus dem Fenster. Wie und warum auch immer. Beide Todesfälle wurden nie geklärt.
Benedikt XVI.: Schluss mit den Geheimgeschäften
Vor ein paar Jahren sah es zum ersten Mal ganz danach aus, als wolle der neue, deutsche Papst die Finanzgeschäfte seiner Bank in Ordnung bringen. Im Herbst 2009 schickte Benedikt XVI. den Präsidenten seiner Bank ebenso nach Hause wie den kompletten Aufsichtsrats des Finanzinstituts - das korrekt "Istituto per le Opere di Religione" (IOR) heißt, zu deutsch: Institut für die religiösen Werke. Die Leitung des IOR übertrug der Papst dem italienischen Bankmanager und Professor für Wirtschaftsethik Ettore Gotti Tedeschi.
Der war kaum ein Jahr im Amt, da leiteten römische Staatsanwälte ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen die Geldwäsche-Regeln gegen ihn ein. Die Vatikanbank hatte zuvor 23 Millionen Euro für zwei anonyme Auftraggeber überwiesen, ohne sie zu melden. Die Überweisungen wurden gestoppt, das Geld beschlagnahmt.
Das war offenbar der Anstoß, wirklich aktiv zu werden: Gotti Tedeschi überredete den Papst, per Dekret seiner Bank eine Aufsichtsbehörde zu verordnen, die deren Geschäfte kontrollieren und Daten mit den internationalen Organisationen zur Bekämpfung der Geldwäsche austauschen sollte. Das ließ sich zunächst gut an. Schon die erste Anfrage der italienischen Behörden wurde umgehend und erschöpfend beantwortet. Die beschlagnahmten 23 Millionen Euro wurden freigegeben.
Mächtiger Widerstand aus Klerus, Politik und Wirtschaft
Was außerhalb des Vatikan niemand wusste: Einflussreiche Kardinäle kämpften verbissen gegen die Kooperation mit den weltlichen Behörden, angeführt vom zweiten Mann im Vatikan, Staatssekretär Tarcisio Bertone. Anfang 2012 entmachtete ein neues Papst-Dekret die vatikanische Aufsichtsbehörde und unterstellte sie Bertone. Der Datenaustausch mit den EU-Behörden und der italienischen Zentralbank wurde faktisch beendet.
Am 24. Mai 2012 trat IOR-Chef Gotti Tedeschi zurück. Er habe "grundlegenden Anforderungen" nicht genügt, vermeldete das offizielle vatikanische Presseamt, und "bestimmte Aufgaben von vordringlicher Wichtigkeit nicht ausgeführt".
Italienische Medien stellten den Abgang anders dar: Der Vatikanbank-Chef habe Angst um sein Leben gehabt. Auf seitenlangen Schreiben an den Papst habe er dargestellt, dass Politiker und Mafia-Mitglieder noch immer geheime Konten der Vatikanbank nutzten. Und als er nach den Namen hinter den Kontonummern gefragt habe, hätten seine Probleme begonnen.
Kommissarischer Nachfolger und Interimspräsident des Aufsichtsrates wurde das pensionierte Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Ronaldo Hermann Schmitz - also der Vertreter des Geldhauses, dessen römische Filiale seit Jahren Teile der Vatikanbank-Geschäfte technisch abwickelt. Und dabei ist die deutsche Großbank gelegentlich offenbar sehr hilfreich. So berichtet die italienische Internet-Zeitung "Il Fatto Quotidiano" über einen bemerkenswerten Vorgang: Weil Italiens Banken - die rechtlich selbständige Deutsche Bank-Filiale in Rom eingeschlossen - schon seit einigen Jahren keine Schecks der Kirchenbank mehr annehmen dürfen, schicke das IOR seine Schecks seitdem einfach zur Weiterbehandlung per Post an die Deutsche Bank-Zentrale in Frankfurt. Ein Sprecher der Deutschen Bank wollte zu dem Vorgang auf Anfrage keine Stellung nehmen.
Auch die jetzt verbotene technische Abwicklung des Kredit- und EC-Kartengeschäfts der Vatikanbank durch die römische Deutsche Bank-Tochter ist nicht ganz unproblematisch. Die Kartenterminals im Vatikan sind so installiert, als stünden sie auf italienischem Staatsgebiet. Das war praktisch für den Kirchenstaat, seine Buchungen wurden wie italienische Zahlungsvorgänge behandelt. Dabei ist der Vatikan nicht einmal EU-Mitglied und seine Bank wird international als wenig vertrauenswürdig eingestuft.
So galten bei der jüngsten Überprüfung der vatikanischen Finanzregeln durch die dafür zuständige Organisation "Moneyval" sieben von sechzehn geforderten Kriterien als nicht erfüllt.
Jetzt, nach dem Eingreifen der italienischen Notenbank, muss Papst Benedikt XVI. als oberster Boss des IOR überlegen, wie es weitergehen soll: Er kann eine Nicht-EU-Bank einladen, im Vatikan eine Filiale zu eröffnen - das würde die Geschäfte freilich sehr kompliziert machen. Oder er kann noch einmal versuchen, dem Kirchenstaat EU-konforme Regeln zu verordnen, die es Geldwäschern und anderen Bösewichtern nicht ganz so leicht machen wie bislang.
Die Frage ist allerdings, ob in dieser Frage andere im Vatikan nicht noch mächtiger sind als der Stellvertreter Gottes auf Erden.
 
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