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11.01.2013
 
Psychologische Studie
Ein-Kind-Politik verändert Persönlichkeit der Chinesen
AP
In Chinas Gesellschaft gibt es überwiegend Einzelkinder. Mehr als 30 Jahre nach Einführung der Ein-Kind-Politik bekommt das Riesenreich die Auswirkungen dieser Maßnahme zu spüren: Die junge Generation ist pessimistischer, scheut das Risiko und fasst schwerer Vertrauen.
Hamburg - Junge Chinesen von heute haben andere hervorstechende Charakterzüge als die jungen Menschen im Jahr 1979: Die Chinesen, die seit Beginn der Ein-Kind-Politik geboren wurden, sind weniger optimistisch und wettbewerbsfreudig, zeigen weniger Vertrauens- und weniger Risikobereitschaft. Das ist das Ergebnis einer psychologischen Studie, die das Wissenschaftsmagazin "Science" online veröffentlicht hat.
Australische Forscher um Lisa Cameron von der Monash University in Clayton hatten für ihre Studie rund 400 Bewohner Pekings rekrutiert. Etwa die Hälfte war in den Jahren vor Beginn der Ein-Kind-Politik geboren (1975 bis 1978), der andere Teil unmittelbar danach (1980 bis 1983). Mit einer Reihe ökonomischer Spiele analysierten die Forscher die Eigenschaften der Teilnehmer. In den Spielen mussten diese kleine Geldbeträge tauschen oder investieren und verschiedene wirtschaftliche Entscheidungen treffen.
Experimente testen Vertrauen und Risikobereitschaft
Beim Vertrauensspiel beispielsweise erhielt jeder Spieler 100 Yuan (etwa zwölf Euro) und einen zufälligen Partner zugewiesen. Diesem konnte er nun einen beliebigen Betrag abtreten, in dem Wissen, dass der Spielleiter den Betrag verdreifachen würde. Der Partner konnte dann dem ersten Spieler einen beliebigen Anteil des Geldes zurückgeben. Es zeigte sich, dass die nach der Ein-Kind-Politik geborenen Teilnehmer weniger Geld abtraten als die anderen. Aus den Entscheidungen der Spieler schlossen die Forscher auf deren Vertrauen, Vertrauenswürdigkeit, Risikobereitschaft und Wettbewerbsfreudigkeit. Das Verhalten der Ein-Kind-Politik-Kinder im Vertrauensspiel interpretierten die Forscher als Vertrauensmangel und vor allem als Risikoscheue.
Die Spiele ergänzten die Forscher um Persönlichkeitstests. Darin zeigte sich, dass Teilnehmer, die als Einzelkinder aufwuchsen, weniger optimistisch und gewissenhaft waren. Sie erwiesen sich zudem als sensibler und nervöser.
Experten erwarten Verschärfung der Veränderungen
Cameron und ihre Kollegen schlossen zahlreiche andere Faktoren als Erklärung aus, unter anderem Alter und Beziehungsstatus und ob die Teilnehmer späterer Geburtsjahre kapitalistischer geworden waren. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Geburt nach Beginn der Ein-Kind-Politik die beste Erklärung für die Unterschiede liefert. Allerdings betonen die Autoren, dass sich ihre Ergebnisse auf Peking und eventuell auf städtische Gebiete ganz China beziehen lassen.
Rückschlüsse auf Einzelkinder in anderen Ländern ergeben sich ihnen zufolge daraus nicht zwingend. Für Chinesen, die lange nach Einführung der Ein-Kind-Politik geboren wurden, könnten die Befunde von denen der untersuchten Kohorte abweichen, schreiben die Autoren. Mit Blick auf die Tatsache, dass die chinesische Gesellschaft nunmehr von Einzelkindern dominiert werde, erwarten sie aber allenfalls eine Verschärfung der beobachteten Veränderungen.
In vielen Ländern genießen Einzelkinder einen zweifelhaften Ruf, darunter auch in China. Sie gelten dort als materialistisch und egozentrisch, werden als "kleine Kaiser" bezeichnet. Die Zeitung "China Daily" nannte die nach Beginn der Ein-Kind-Politik geborenen Chinesen die "verdorbene Generation".
Zumindest in westlichen Ländern haben die wenigen Studien zu Einzelkindern die Vorurteile aber nicht gestützt. Die erste große Erhebung dazu in Deutschland, geleitet vom Psychotherapeuten Thomas von Kürthy, kam 1989 vielmehr zu dem Ergebnis, dass Kinder ohne Geschwister zu sozialeren, optimistischeren und leistungsbewussteren Menschen werden als Geschwisterkinder. Das mag auch daran liegen, dass Eltern von Einzelkindern Schulleistungen, Selbstbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein für wichtiger halten als Pflichtbewusstsein, Selbstständigkeit und Manieren, wie eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts ergeben hat.
 
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