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15.01.2013
 
Französische Mali-Mission
Hollandes langer Krieg
Von Matthias Gebauer  
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Erst wirkte es wie eine kurze Intervention, jetzt verlegt Frankreich 2500 Soldaten nach Mali. Präsident Hollande ruft weitreichende Ziele aus: ein Ende der Terror-Herrschaft im Norden Malis und Demokratie für das ganze Land. Bis dahin ist es ein langer Weg.
Berlin - Als Frankreichs Präsident François Hollande am Dienstagabend in Dubai vor die Presse ging, wehte ein Hauch von Afghanistan durch den Raum. Wortgewaltig wie so oft in den vergangenen Tagen holte der Präsident zunächst weit aus - dann definierte er in einem Satz die Ziele für die am vergangenen Freitag begonnene Militärmission in Mali: "Bevor wir wieder gehen und die Mission beenden", so Hollande mit fester Stimme, "muss Mali sicher sein, eine legitime Ordnung und einen Wahlprozess haben, und die Terroristen dürfen die Integrität des Territoriums nicht mehr gefährden".
Wie zu Beginn der Endlos-Mission am Hindukusch hängte Hollande damit die Latte ziemlich hoch. Zwar hinken die vielen Vergleiche der Krise in Mali mit der Lage in Afghanistan nach dem 11. September 2001. Dennoch: Die von Hollande genannten Ziele für Mali sind ähnlich weit weg wie die damals in Afghanistan, als die USA einen Krieg weit weg von der Heimat begannen. Hinzuzufügen wäre noch, dass bis heute, ziemlich genau zwölf Jahre nach dem Beginn der Afghanistan-Mission, nur sehr wenig von den Wünschen erreicht worden ist.
Spätestens mit den Aussagen von Hollande wird klar, dass die französische Operation keineswegs eine Kurzintervention war, die nur zur Abwehr eines Vorstoßes der Islamisten aus dem Norden des Landes in Richtung Süden dient. Vielmehr wirbt Frankreich überall auf der Welt, von Europa über Afrika bis hin in den arabischen Raum, für die Unterstützung einer Operation, die auf die Befreiung des Nordens und eine langfristige Stabilisierung des Krisenherds Malis abzielt.
Wer bei dieser Mission mitmacht, muss sich auf einen langen und schwierigen Krieg einstellen.
Frankreich setzt auf die Rückeroberung Nordmalis
Allein die militärischen Bewegungen sind enorm. Bisher sind die Franzosen mit rund 750 Mann in Mali gelandet. Rund ein Drittel davon ist direkt an der Grenze zum Islamistengebiet stationiert, weitere Einheiten warten noch in der Hauptstadt Bamako auf die Abreise in Richtung Front. Schon in den nächsten Tagen aber sollen die Kontingente weiter verstärkt werden. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian bestätigte am Dienstag Planungen für die Verlegung von bis zu 2500 Mann. Zusätzlich sind Panzer und anderes schweres Gerät unterwegs in die Region.
Die Truppenstärke illustriert, dass Frankreich als Führungsnation einen internationalen Einsatz in Mali leiten will, der letztlich die Rückeroberung Nordmalis erreichen soll. Die Verstärkung durch afrikanische Soldaten lässt allerdings auf sich warten. Nach wortreichen Ankündigungen der Staatengemeinschaft Ecowas, die bis zu 3300 afrikanische Soldaten nach Mali schicken soll, ist bisher nichts passiert. Zwar prophezeit Frankreich den Ecowas-Einsatz schon "in wenigen Tagen" - ohne Transportflieger und mit dürftiger Ausrüstung dürfte das jedoch Wunschdenken sein.
Viele ungeklärte Fragen
Paris lässt sich mit dem gewaltigen Auftritt in Mali, der zunächst mit gezielten Luftangriffen und kleinen Kommandoaktionen von Spezialkräften gegen die anrückenden Islamisten im Norden begann, auf eine gefährliche Mission ein. "Wer einen Einsatz mit hehren Zielen und moralischen Ansprüchen begonnen hat", so die Analyse eines in Sachen Afghanistan erfahrenen Nato-Diplomaten, "kann sich hinterher nicht wieder schnell davonstehlen". Die zunächst angenehme Führungsrolle könnte sich also schnell zu einem politischen Bumerang entwickeln.
Offene Fragen gibt es zuhauf. So hat die Staatengemeinschaft Ecowas schon seit Monaten die Entsendung von Soldaten nach Mali angekündigt, bisher ist aber nie etwas passiert. Selbst wenn sich nun im Zuge der französischen Operationen etwas bewegt, weiß niemand, wie einsatzfähig die Soldaten aus dem Senegal, Burkina Faso oder dem Niger eigentlich sind. In Mali selbst gibt es zudem Widerstände gegen die afrikanischen Truppen, zum einen aus Stolz, aber auch aus Angst vor deren militärischem Vorgehen.
Unklar ist auch eine militärische Strategie gegen die Islamisten. Deren Kämpfer, Geheimdienste sprechen von rund 2000 Männern, überrannten im Handstreich den Norden, sie sind mit ihren Pick-ups und exzellenten Ortskenntnissen von Timbuktu, Gao oder Kidal sehr mobil. Bei einer Offensive von internationalen Truppen würden sie vermutlich wie die Taliban erst mal die Flucht in die benachbarten Staaten antreten und versuchen, die Eindringlinge in einen zähen Guerilla-Krieg zu verwickeln.
Politisch ist die Lage ebenso vertrackt. Nach einem Militärputsch hat Mali nur eine vom Militär eingesetzte Übergangsregierung. Zwar kündigt sie in den letzten Tagen immer wieder für den April Wahlen an. Wie ernst es die Hintermänner aus den Offiziersclubs damit nehmen, kann niemand einschätzen. Da das Land faktisch zweigeteilt ist, wäre ein solcher Urnengang ohnehin schwierig. Im Norden jedenfalls wird es sicherlich keine freien Wahlen geben, eine Abstimmung nur im Süden würde die Separation der Nordregion mehr oder weniger besiegeln.
Die vielen Probleme sind sowohl in Paris als auch innerhalb der Bundesregierung bekannt. Trotzdem, so jedenfalls die Linie in Berlin, gebe es keine Alternative zu einer deutschen Unterstützung für die Franzosen, die mit ihrem rasanten Eingreifen in Mali so ziemlich alle Regierungen weltweit überrascht haben. An die Versprechungen des französischen Verteidigungsministers, der die Länge der französischen Operation in Mali am Wochenende noch verhalten mit "einigen Wochen" angab, mag allerdings zwei Tage später kaum noch jemand glauben.
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