SPIEGEL ONLINE
18.01.2013
 
Streit über Rundfunkbeitrag
Wie ARD und ZDF über sich selbst berichten
Von Michael Kröger
ZDF
Die Empörung über die Einführung der Haushaltsabgabe bringt die öffentlich-rechtlichen Sender in die Defensive. Das ZDF reagiert mit einer bemerkenswert freimütigen Diskussion bei Maybrit Illner. Die ARD begegnet der Kritik dagegen mit einem subtilen Propagandafeldzug.
Berlin - Hätte man doch bloß nicht daran gerührt. Stoßseufzer dieser Art dürften des Öfteren zu hören sein, wenn die Granden der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in trauten Zirkeln zusammensitzen. Noch vor drei Wochen waren die Rundfunkgebühren allenfalls ein Thema für Expertenrunden, die Nation der Fernsehzuschauer hatte sich mit der ungeliebten Zwangsabgabe abgefunden, notgedrungen.
Doch dann, zum Jahreswechsel, wurde eine kleine aber wesentliche Änderung wirksam. Jetzt gilt nicht mehr die Anzahl der Geräte, sondern nur noch die Wohnung oder das Haus. Jeder, der irgendwo wohnt, muss jetzt 17,98 Euro bezahlen, ganz gleich, ob er fernsieht, Radio hört oder eben auch nicht: Der neue Rundfunkbeitrag hat die alte Rundfunkgebühr abgelöst.
Auch wenn sich für die Allermeisten nichts ändert, sehen sich die Anstalten nun einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt. Längst hat sich die Diskussion verselbständigt - weg von der Frage, ob die neue Regelung wirklich zu mehr Gerechtigkeit führt, hin zum ganz Grundsätzlichen: Brauchen wir öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt noch? Und wenn ja - muss es tatsächlich jährlich 7,5 Milliarden Euro kosten?
Der Umgang mit dem Rundfunkbeitrag ist für die Sendeanstalten ausgesprochen heikel. Denn das ungestüme Wachstum der letzten Jahrzehnte und die Vielzahl von neuen Sendern bis hin zum Digitalfunk haben sie angreifbar gemacht. Die Kritiker kommen selbst aus den Reihen derer, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für einen essentiellen Bestandteil der Demokratie halten.
ZDF-Intendant Bellut räumt Handlungsbedarf ein
Umso bemerkenswerter ist die unterschiedliche Art und Weise, wie die Redaktionen der beiden Fernsehanstalten sich dem Problem stellen. Die größte Überraschung lieferte in dieser Hinsicht Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF. Für ihre Diskussionsrunde hatte die Talkmasterin mit Springer-Außenminister Christoph Keese sowie Autor und "Handelsblatt"-Redakteur Hans-Peter Siebenhaar die Crème der Kritiker geladen, denen der unberechenbare Comedian Oliver Pocher sekundieren sollte. Auf der anderen Seite saßen ZDF-Intendant Thomas Bellut und der Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz. Illner führte charmant, aber konsequent Regie und sparte keinen der heiklen Punkte aus.
Der Schlagabtausch hatte am Ende einen klaren Punktsieger: Thomas Bellut. Der ZDF-Boss parierte Angriffe, rückte Zahlen zurecht und räumte bei einigen Problemzonen Handlungsbedarf ein. Siebenhaar, der zunächst recht forsch seine Angriffe vorgetragen hatte, schien schließlich die Luft auszugehen. Keese ließ sich in einem schwachen Moment sogar zu dem Kompliment hinreißen, das ZDF halte sich vorbildlich an die im Staatsvertrag festgelegten Vorgaben. Am Ende stritt man lediglich noch über Feinheiten, etwa ob sich die Öffentlich-Rechtlichen am Wettbewerb um die Übertragungsrechte an den großen Sportveranstaltungen beteiligen sollten.
Eines dürfte dem Zuschauer schließlich klar geworden sein: Die Diskussion um schlankere Strukturen und spürbare Kostensenkungen dürfte noch sehr schwierig werden.
Ein offener Schlagabtausch, garniert mit Pointen von einem wie Oliver Pocher, der sich sichtlich bemühte, der Runde zumindest ein bisschen peinlich zu sein - das hätte sich auch die eine oder andere ARD-Anstalt ruhig einmal trauen dürfen. Doch dort geht man weit weniger souverän mit dem Thema um. Einzig die Kultursendung "Zapp", die in ihrem Haussender NDR eine Art Experimentierfeld darstellt, lieferte einen vertiefenden Beitrag über die mangelnde Transparenz in dem weit verzweigten Sendernetz. Sonst beschränkte sich die überwiegende Mehrzahl der zu diesem Thema gesendeten Beiträge auf schlichten Service: die Frage, was sich im neuen Jahr ändert.
Subtile PR-Aktion in eigener Sache
Ungleich problematischer ist jedoch die Reaktion auf die Kritik, die seit Beginn des Jahres die öffentliche Diskussion beherrscht. In der Regionalsendung "Mein Nachmittag" spulte der NDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Lutz Marmor ungerührt sein Standardprogramm zu diesem Thema ab, mit dem wiederholten Hinweis, man bekomme für 60 Cent pro Tag viel geboten. Das nach außen hin nützlich scheinende Interview zur Aufklärung der Zuschauer entpuppte sich als subtile PR-Aktion in eigener Sache.
Auch der Bericht über die Klage der Drogeriekette Rossmann gegen den neuen Rundfunkbeitrag am 11. Januar in der Abendsendung "NDR aktuell" verletzte grundlegende journalistische Spielregeln. Speziell große Filialbetriebe fühlten sich benachteiligt, hieß es dort scheinbar nachrichtlich. Doch dann stellte der Autor die Position der Öffentlich-Rechtlichen in den Mittelpunkt und ließ Marmor zu Wort kommen, ganz so, als wäre dieser ein unabhängiger Experte - eine engagierte Selbstverteidigung im Gewand eines redaktionellen Beitrags. Der gleiche Film lief auch in den Abendschauen anderer ARD-Sender.
Dabei hat der Unmut betroffener Unternehmen über die zusätzliche Belastung gute Gründe. Für mittelständische Filialbetriebe - dazu gehören Bäckereien oder auch Handwerksbetriebe mit einem größeren Fuhrpark - beträgt der Aufschlag mehrere hundert Prozent. Der Einzelhändler Rewe etwa rechnet damit, künftig das Fünffache der ursprünglichen Gebühr bezahlen zu müssen. Die Deutsche Bahn plant mit 3,5 Millionen statt einer Million Euro.
Objektive Wahrheit vorgaukeln
Ebenso wie der NDR zieht auch der BR alle Register, um den Standpunkt der Kritiker mit scheinbar journalistischen Beiträgen zu widerlegen. Die "Wutwelle" nimmt die "Radiowelt" von Bayern 2 zum Anlass, noch einmal die Vorteile der neuen Regelung aufzuzeigen. Als Interviewpartner kommt der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof zu Wort, der den Zugewinn an Gerechtigkeit preist. Der Heidelberger Rechtsprofessor musste sich allerdings nicht aufwendig in die Materie einarbeiten - er selbst hat das entscheidende Gutachten für die Rundfunkgebühr verfasst. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei als unabhängige Informationsquelle für den Staat extrem wichtig, betont Kirchhof. In diesem Punkt widersprechen ihm selbst die meisten Kritiker nicht.
In "B5 aktuell" verspricht der Moderator Aufklärung, wofür die ARD-Sender so viel Geld ausgeben. Chefredakteur Thomas Baumann funktioniert den angekündigten Rapport jedoch ungeniert zum Werbefeldzug um. Er verweist auf das dichte Korrespondentennetz und das Gewicht der "Tagesschau", dann lobt er die "hochwertige" Unterhaltung und preist die Sportschau als Kultsendung.
Und doch ist das Interview viel ehrlicher als viele der anderen Beiträge zu diesem Thema: Baumann versucht keine Sekunde, dem Zuschauer vorzugaukeln, es handle sich um eine objektive Wahrheit.
 
Zum Thema:
 Volksbegehren gegen Bezahl-Studium: Signierstunde der Gebührengegner
 Neuer Rundfunkbeitrag: Unternehmen lassen Klagen prüfen
 Drogeriekette: Rossmann klagt gegen Rundfunkbeitrag
» MEHR KULTUR
» ZURÜCK ZUR HOMEPAGE
» ARTIKEL VERSENDEN
 
SUCHE IN SPIEGEL MOBIL
Politik | Wirtschaft | Börse | Panorama | Sport | Kultur | Wissenschaft | Gesundheit | Netzwelt | Uni | KarriereSPIEGEL | Schule | Reise | Auto | Wetter | Ticker | Fotostrecken | Video | English Site | manager-magazin.de
» Zum mobilen RSS
» NACH OBEN
© SPIEGEL ONLINE
Impressum Alle Rechte vorbehalten