SPIEGEL ONLINE
28.01.2013
 
Pakistanischer Atomphysiker
"Muslimische Gesellschaften sind kollektiv gescheitert"
Von Hasnain Kazim, Islamabad
Hasnain Kazim
In islamischen Ländern rumort es, auch nach der Arabischen Revolution sind überall religiöse Kräfte auf dem Vormarsch. Der pakistanische Atomphysiker Pervez Hoodbhoy sieht ein "kollektives Scheitern" von muslimischen Gesellschaften. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er seine These.
Studentinnen und Studenten tanzen um Pervez Hoodbhoy herum. Sie tragen Roben und Doktorhüte, die jungen Frauen haben die Hüte einfach über ihre Kopftücher gestülpt. Gerade haben sie erfahren, dass sie ihre Prüfungen bestanden haben. Jetzt wollen sie sich mit Hoodbhoy fotografieren lassen. Ihrem berühmten Professor.
Pervez Hoodbhoy, 62, ist Nuklearphysiker an der Quaid-e-Azam-Universität in Pakistans Hauptstadt Islamabad. Hier lehrt er seit den siebziger Jahren. Er selbst hat an renommierten Hochschulen in den USA und in Europa studiert und auch unterrichtet. Für seine wissenschaftlichen Leistungen hat er Preise erhalten, und über die Physik ist er zu politischen Themen gekommen.
Zum Beispiel kritisiert er die nukleare Aufrüstung der Atommacht Pakistan und das Vordringen von Religion in wissenschaftliche, kulturelle und politische Bereiche. Mit dieser Haltung macht er sich Feinde in Pakistan, das so stolz auf seine Atombombe ist. Eine Privatuniversität in Lahore hat ihn gerade entlassen, für seine Arbeit in Islamabad wartet er seit Monaten auf seine Bezahlung.
Trotzdem habe er nie daran gedacht, Pakistan zu verlassen, sagt er. Hoodbhoy wurde als Muslim geboren, in eine ismailitische Familie. Von vielen verhasst, aber von manchen auch heimlich bewundert, will er sich nicht mundtot machen lassen. "Ich sage, was ich denke. Und ich begründe es", sagt er in seinem Büro, das er immer noch an der Hochschule hat, die ihn nicht mehr bezahlt. An den Wänden hängen Bilder von Japan nach der Zerstörung durch die Atombomben, auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher über Physik und Politik.
Lesen Sie im Interview, warum Pervez Hoodbhoy der Religion so kritisch gegenübersteht und wie er die Zukunft von islamischen Gesellschaften sieht:
SPIEGEL ONLINE: Herr Hoodbhoy, Sie warnen regelmäßig vor einer Radikalisierung von Muslimen. Woran machen Sie das konkret fest?
Hoodbhoy: Als ich begann, hier an der Quaid-e-Azam-Universität in Islamabad Anfang der siebziger Jahre zu unterrichten, gab es auf dem gesamten Campus nur eine einzige Studentin, die eine Burka trug. Heute sind etwa 70 Prozent der Frauen hier komplett verhüllt. Nur 30 Prozent laufen normal herum.
SPIEGEL ONLINE: Begründen Ihre Studentinnen das? Oder ist das kein Thema?
Hoodbhoy: Ich frage sie gelegentlich, und viele sagen, der Islam verlange das von ihnen. Andere sagen, sie tragen Burka oder Hidschab, weil die meisten Frauen es hier tun. Wieder andere sagen, sie fühlten sich auf diese Weise sicherer, wenn sie an der Bushaltestelle stünden, dann belästige sie niemand.
SPIEGEL ONLINE: Also doch keine Hinwendung zu Gott und striktere Auslegung von Religion?
Hoodbhoy: Doch. Wir erleben gerade eine große kulturelle Revolution in der islamischen Welt. Nicht nur Pakistan ist betroffen, sondern mehr oder weniger jedes muslimische Land. Pakistan verändert sich, Afghanistan hat sich radikalisiert, Iran, der Irak, viele Länder in Afrika und in der arabischen Welt, Ägypten, Algerien, jetzt Mali. Früher oder später wird man auch in Syrien nur noch verhüllte Frauen sehen. Aber schauen wir uns die islamischen Gemeinden in Europa und in den USA an - die sind von dem gleichen Erreger infiziert. Warum? Ich glaube, man merkt, dass man anders ist als andere. Offensichtlich existiert das Verlangen zu zeigen, dass man anders ist. Eine Burka ist ja nichts anderes als ein Etikett, um sich abzugrenzen. Dadurch wird in aller Deutlichkeit gezeigt: Meine Identität ist islamisch. Diese Identität ist eng verknüpft mit dem Gefühl, ein Opfer der Geschichte zu sein. Tief versteckt empfinden Muslime, dass sie gescheitert sind. Diese Mischung von Befindlichkeiten flößt mir Angst ein, denn sie führt zu einem Verhalten, das sehr ungesund ist.
SPIEGEL ONLINE: Sie betrachten muslimische Gesellschaften als kollektiv gescheitert. Wie meinen Sie das?
Hoodbhoy: Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt - aber sie können in keinem Bereich eine substantielle Errungenschaft vorweisen. Nicht im politischen Bereich, nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, weder in den Naturwissenschaften noch in der Kunst oder in der Literatur. Alles, was sie mit großer Hingabe tun, ist beten und fasten. Aber es gibt keine Bemühungen, die Lebensbedingungen innerhalb islamischer Gesellschaften zu verbessern. Unbewusst spüren die Menschen natürlich, dass das ein kollektives Versagen ist.
SPIEGEL ONLINE: Es gab zuletzt den sogenannten Arabischen Frühling, wo die Menschen - Muslime - sehr wohl für bessere Lebensbedingungen gekämpft haben.
Hoodbhoy: Der Arabische Frühling war lediglich eine Antwort auf autokratische Systeme und Despotismus, also auf die Gründe, die die arabische Welt in Dunkelheit haben versinken lassen. Die Proteste waren aber kein Verlangen einer kulturellen oder wissenschaftlichen Renaissance. Daher kann man keine großen Veränderungen erwarten. Eine wirkliche Befreiung wird es nur geben, wenn auf politische Veränderungen ein kultureller Wandel und eine Veränderung von Einstellungen folgt. Die arabischen Muslime müssen ihren falschen, aber weit verbreiteten Glauben ablegen, dass Wissenschaft in irgendeiner Weise Elemente von Religion enthält. Diese Inschallah-Mentalität, die für alles Gott verantwortlich macht, ist der Gegensatz zu wissenschaftlichem Denken. Ganz abgesehen davon ist die arabische Arbeitsmoral schlecht. Es gibt ständig Unterbrechungen, um religiöse Pflichten zu erfüllen. Um wettbewerbsfähig in der modernen Welt zu werden, müssen Dinge wie Pünktlichkeit und das Einhalten von Regeln, die Menschen aufstellen, nicht Gott, dramatisch verbessert werden.
SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie wegen solcher Aussagen eigentlich Drohungen?
Hoodbhoy: Drohungen nicht, aber man macht mir das Leben schwer. Ich wurde gerade an der Lahore University of Management Sciences entlassen, wo ich Physik gelehrt habe. Das ist eine sehr fortschrittliche private Universität, aber es gibt in dieser Gesellschaft Grenzen dessen, was man sagen darf. Auch hier in Islamabad ist es für mich nicht einfach. Da ich verbeamteter Professor bin, kann man mich nicht entlassen. Aber ich werde schon seit Monaten nicht mehr bezahlt. Dabei halte ich mich nur an Fakten: Welche bedeutende Erfindung oder Entdeckung haben Muslime in den vergangenen tausend Jahren gemacht? Strom? Elektromagnetische Wellen? Antibiotika? Den Verbrennungsmotor? Computer? Nein, nichts, jedenfalls nichts, was eine moderne Zivilisation ausmacht. So ist es nun einmal. Und wenn es nach den religiösen Fanatikern geht, macht das auch nichts. Die stecken gedanklich immer noch im zwölften Jahrhundert.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt durchaus sehr progressive Muslime, solche, die säkular sind und die moderne Welt schätzen. Und auch in religiöser Hinsicht sind die meisten doch eher moderat. Denen gegenüber sind Sie jetzt unfair.
Hoodbhoy: Natürlich gab es Versuche in islamischen Gesellschaften, sich zu modernisieren, in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Pakistan war, als es 1947 gegründet wurde, eine sehr moderne Idee. Ägypten, Indonesien, Iran, das waren alles Gesellschaften, die Bildung und Fortschritt als etwas Gutes sahen. All das ist vorbei. Das hat mehrere Gründe. Der arabische Nationalismus scheiterte. Die Palästinenser wurden klein gehalten. Und der Westen setzte seine Interessen unabhängig von positiven Entwicklungen in islamischen Ländern durch, zum Beispiel wenn es um Öl ging. Wenn alles schiefläuft, blicken Menschen zu Gott.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, das genügt schon, um eine Radikalisierung zu entfachen?
Hoodbhoy: Für viele Muslime steht die Frage im Raum: Warum ist es vorbei mit unserer Großartigkeit? Und die Antwort, die ihnen die Mullahs geben, lautet: Weil ihr keine guten Muslime seid! Betet! Fastet! Verhüllt eure Frauen! Denkt über eure Interpretation des Islam nach! Nur: So wird es keinen Fortschritt geben. Wir erleben ja die Konsequenzen. In Pakistan töten radikale Sunniten inzwischen täglich Schiiten, nur weil die für Ungläubige gehalten werden.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg, um diese Entwicklung zu stoppen?
Hoodbhoy: Gesellschaften müssen ihre blutigen Erfahrungen machen. Auf diese Weise ist Europa säkular geworden. Früher gab es ständig Kriege zwischen Katholiken und Protestanten, und erst als das Blutvergießen lange genug andauerte, kamen die Menschen zu Sinnen. Ich befürchte, dass wir diese schrecklichen Erfahrungen gerade machen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem müssen wir ja im Jetzt und Hier mit den Radikalen umgehen. Was halten Sie von Gesprächen mit den Taliban?
Hoodbhoy: Diejenigen, die nicht bereit sind zu reden, sondern an Gewalt festhalten, müssen wir töten. Nehmen wir die pakistanischen Taliban: Sie haben zwei Forderungen, nämlich dass Pakistan seine Bindungen zu den USA kappt und dass wir die Scharia einführen als einzig gültiges Recht. Sie wollen keine Straßen, keine Schulen, keine Arbeit. Sie sind völlig kompromisslos. Natürlich kann man mit denen nicht reden. Wir haben es 2009 im Swat-Tal gesehen, als die pakistanische Regierung immer mehr Zugeständnisse machte und die Extremisten immer weiter vorrückten. Man muss ihnen also ganz klar sagen: Wir verhandeln erst mit euch, wenn ihr eure Waffen niederlegt. Und da sie das nicht tun werden, müssen wir sie bekämpfen. Wenn man mit den Taliban redet, dann nur aus einer Position der Stärke heraus.
SPIEGEL ONLINE: Hätte die Regierung denn den Rückhalt der Bevölkerung, wenn sie die Taliban bekämpfen würde?
Hoodbhoy: Als es 2009 um die Frage ging, ob die Armee Krieg gegen die Taliban im Swat-Tal führen soll, gab es heftige Widerstände in der Bevölkerung. Trotzdem marschierte das Militär ein. Heute geht es dem Swat-Tal sichtbar besser als damals unter den Taliban. Ich glaube, viele mögen die Armee nicht, aber sie mögen die Extremisten noch weniger. Ich bin überzeugt, dass ein militärisches Vorgehen möglich ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist der Grad der Radikalisierung innerhalb der pakistanischen Armee, die immerhin über das am schnellsten wachsende Atomarsenal der Welt verfügt?
Hoodbhoy: Die Armee kann in ihrer Zusammensetzung kaum anders sein als die Gesellschaft, aus der sie sich rekrutiert. Die pakistanische Gesellschaft hat der islamistischen Agenda einen Platz eingeräumt, und das gilt ebenso für die Streitkräfte. Das Militär steht deshalb vor großen Schwierigkeiten. Es gibt dort Offiziere, die sich als Teil von Pakistans Armee verstehen. Und es gibt Offiziere, die sich als Teil der Armee des Islam sehen. Die weltlichen Kräfte innerhalb der Streitkräfte sehen das durchaus mit Sorge, aber sie haben keine Antwort auf diese Herausforderung.
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