SPIEGEL ONLINE
27.01.2013
 
Iran
Gerüchte über Explosion in wichtiger Atomanlage
DPA
Es ist ein unbestätigter Bericht, der mit großer Vorsicht zu lesen ist - doch sollte er stimmen, dann muss Irans Atomprogramm einen schweren Schlag hinnehmen: In der unterirdischen Anlage von Fordo soll es eine Explosion gegeben haben, mehr als 100 Arbeiter wurden angeblich eingeschlossen.
Berlin - Der Fels unter Fordo birgt ein dunkles Geheimnis. In der Nähe des iranischen Örtchens betreibt das Regime in Teheran eine lange versteckt gehaltene Anlage seines umstrittenen Atomprogramms. Der Ende vergangenen Jahres fertiggestellte Komplex auf einem früheren Militärgelände ist zentral für die Uran-Anreicherung - auch wenn in der Anlage in Natans deutlich mehr Zentrifugen stehen.
Doch Fordo bietet der iranischen Führung einen anderen wichtigen Vorteil: Die Unterbringung tief im Fels schützt den Komplex vor Luftangriffen. Experten gehen davon aus, dass die Anlage selbst mit bunkerbrechenden Bomben nicht zu erreichen wäre. Auf Satellitenbildern sind die Eingänge des Tunnelsystems gut zu erkennen, doch was im Inneren passiert, ist nur schwer herauszubekommen.
Deswegen ist es auch sehr schwierig, ein derzeit kursierendes Gerücht zu bewerten: In Fordo, so heißt es, habe sich eine schwere Explosion ereignet. Quelle der Information ist der Iran-Experte Reza Khalili, der bereits am vergangenen Donnerstag auf der konservativen US-Webseite WND über die vermeintliche Detonation geschrieben hatte. Die Detonation habe sich am vergangenen Montag ereignet, also unmittelbar vor der Parlamentswahl in Israel.
Zeitungen wie das israelische Blatt "Yedioth Ahronoth", die inzwischen über die vermeintlichen Vorfälle berichten, berufen sich allesamt auf WND und Reza Khalili. Und der wiederum will die Information von dem früheren iranischen Geheimdienstler Hamid Reza Zakeri bekommen haben. Bestätigt wurde der Bericht freilich bis heute nicht, weder von iranischen Offiziellen noch von westlichen Geheimdiensten.
Aktion im James-Bond-Stil - oder doch nur Propaganda?
Allerdings will die "Welt am Sonntag" nun mit einem weiteren "Iran-Experten mit Geheimdienstkontakten" gesprochen haben. Und auch dieser Mann habe Informationen zu dem Zwischenfall, heißt es in einem Bericht der Zeitung. Bei der Explosion seien 190 Arbeiter der Nuklearanlage von der Außenwelt abgeschlossen worden.
Khalili hatte gar von 240 Eingeschlossenen berichtet. Die beiden Fahrstühle in der Anlage seien unbenutzbar, ebenso ein Not-Treppenhaus. Die iranischen Behörden gingen dem Bericht zufolge von einem Sabotageakt aus. Tagelang hätten Rettungstrupps es nicht geschafft, zu den Eingeschlossenen vorzudringen, so Khalili.
Würde der Bericht stimmen, dann müsste Iran einen schweren Schlag gegen sein umstrittenes Atomprogramm hinnehmen. Hat sich gar eine Aktion im James-Bond-Stil als wirksames Mittel erwiesen? Allen Schutzmaßnahmen zum Trotz? Die iranische Regierung hatte bereits in der Vergangenheit erklärt, Saboteure hätten Fordo heimgesucht. So sei die Stromzufuhr im August 2012 mit einer Bombe zerstört worden. Israels Heimatschutzminister erklärte nun gegenüber "Yedioth Ahronoth" etwas nebulös: Jede Explosion sei willkommen, die iranische Anlagen beschädige, aber keine Menschen verletze.
Man kann diesen Satz als Bestätigung für die Berichte aus Fordo sehen - man muss es aber nicht. Es ist durchaus möglich, dass es sich um eine gezielt gestreute Desinformation handelt. Natürlich mag es der eine oder andere im Akteur im Westen für erstrebenswert halten, die iranische Führung und ihr Atomprogramm als verwundbar darzustellen. WND verweist wiederum darauf, bereits in der Vergangenheit exklusive Nachrichten zum iranischen Atomprogramm verbreitet zu haben.
In Fordo wird Uran in mehr als 2000 Zentrifugen auf 20 Prozent angereichert. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte am Freitag einen ungenannten EU-Diplomaten zitiert, wonach die Anlage ihren Ausstoß kurzfristig vervierfachen könne.
Vor allem der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat immer wieder vor der vermeintlichen Gefahr durch das auf 20 Prozent angereicherte Uran gewarnt. Einem IAEA-Bericht zufolge verfügte Iran im November vergangenen Jahres über 135 Kilogramm solchen Materials. Für eine Atombombe bräuchte man etwa 250 Kilogramm, die außerdem auf 90 Prozent angereichert werden müssten.
 
Zum Thema:
 Atomprogramm: Iran stellt Urananreicherungsanlage Fordo fertig
 Natans: Iran öffnet erstmals Atomanlage für ausländischen Staatschef
 Streit mit IAEA: Iran unterstellt Atomwächtern Sabotage
 IAEA-Bericht: Iran verdoppelt Zahl der Uran-Zentrifugen
 Neue Verhandlungen im Atomstreit: Westen verlangt von Iran Schließung unterirdischer Atomfestung
 TV-Bericht in Israel: Netanjahu befahl Vorbereitungen für Iran-Attacke
 Israels gezielte Tötungen: Die Akte Mossad
 Iran-Konflikt: Großbritannien verweigert USA Nutzung von Militärbasen
 Angriffspläne: Israel geht von 30-Tage-Krieg gegen Iran aus
 Medienberichte: Israel will Iran angeblich vor US-Wahl angreifen
» MEHR POLITIK
» ZURÜCK ZUR HOMEPAGE
» ARTIKEL VERSENDEN
 
SUCHE IN SPIEGEL MOBIL
Politik | Wirtschaft | Börse | Panorama | Sport | Kultur | Wissenschaft | Gesundheit | Netzwelt | Uni | KarriereSPIEGEL | Schule | Reise | Auto | Wetter | Ticker | Fotostrecken | Video | English Site | manager-magazin.de
» Zum mobilen RSS
» NACH OBEN
© SPIEGEL ONLINE
Impressum Alle Rechte vorbehalten