SPIEGEL ONLINE
31.01.2013
 
Monatelanger Angriff
Chinesische Hacker spähten "New York Times" aus
DPA
Die Computer der "New York Times" waren über Monate dem Zugriff chinesischer Hacker ausgesetzt. Die Angreifer lasen E-Mails und installierten Schadsoftware. Möglicher Grund für die Aktion: ein Bericht der Zeitung über die Reichtümer der Familie von Chinas Premier Wen Jiabao.
New York - Vier Monate lang hatten vermutlich chinesische Hacker nahezu unbegrenzten Zugang zu Netzwerk, Computern und E-Mails der "New York Times" ("NYT"), berichtet die Zeitung selbst. Die Angriffe nahmen ihren Anfang, als das Blatt im Oktober 2012 über die Reichtümer berichtete, die von der Familie des chinesischen Premiers Wen Jiabao angehäuft worden sind. Recherchen von Mitarbeitern der Zeitung hatten ergeben, Wen und seine direkten Verwandten hätten ein Vermögen von mindestens 2,7 Milliarden Dollar akkumuliert.
Regierungsbeamte hätten die Zeitung im Vorfeld der Veröffentlichung darauf hingewiesen, dass es "Konsequenzen haben werde", wenn die Angaben publik gemacht würden. Dass westliche Journalisten in China mit Repressalien, Zensurmaßnahmen und sogar tätlichen Angriffen rechnen müssen, ist nicht ungewöhnlich. Auch SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand hatte schon unter solchen Übergriffen zu leiden.
Als Reaktion auf die offene Drohung beauftragte die "New York Times" ihren Netzbetreiber ATT und die Sicherheitsfirma Mandiant, den Netzverkehr der Zeitung zu überwachen und auf Unregelmäßigkeiten zu achten. Als der fragliche Artikel dann am 25. Oktober veröffentlicht wurde, schlugen die Messgeräte tatsächlich an.
Wie die Hacker sich ursprünglich Zugang zu den Systemen der Zeitung verschafften, ist nicht geklärt. Computerexperten vermuten, dazu seien manipulierte E-Mails an Mitarbeiter des Blattes verschickt worden. Die hätten Anhänge oder Codezeilen enthalten, über die Angriffssoftware auf dem jeweiligen Computer installiert werden konnte, sobald der Empfänger sie anklickte. Ausgehend von diesen Erstinfektionen, die offenbar schon gut einen Monat zuvor erfolgten, haben die Angreifer sich weiter im Netzwerk verbreitet.
Anti-Viren-Software versagt
Dabei waren sie so erfolgreich, dass sie schließlich die Zugangsdaten und Passwörter sämtlicher Mitarbeiter ausspähen konnten. Kundendaten jedoch, darauf weist die "New York Times" ausdrücklich hin, seien offenbar nicht angerührt worden. Insgesamt hätten die Täter auf diese Weise die Kontrolle über die Computer von 53 Mitarbeitern übernommen.
Die auf den Rechnern installierte Anti-Viren-Software von Symantec habe dabei nur in einem Fall Alarm geschlagen und eine Schadsoftware isoliert. Symantec wollte der Zeitung gegenüber nicht Stellung dazu beziehen, begründete das Schweigen damit, dass es Firmenpolitik sei, sich nicht zu Kundenangelegenheiten zu äußern.
Bemerkenswert ist die Reaktion der "NYT" auf die Entdeckung der Angriffe. Statt sofort die Reißleine zu ziehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, informierte der Verlag erst das FBI und beschloss dann, die Angreifer zunächst gewähren zu lassen. Hintergrund dieser Entscheidung sei die Furcht gewesen, man würde bei einer Ad-hoc-Aktion Gefahr laufen, nicht alle Einfallstore sicher abzudichten.
Also beobachteten die IT-Spezialisten der Zeitung gemeinsam mit den Experten von Mandiant das Treiben der Eindringlinge und protokollierten jede neue Lücke, die in ihrem Netzwerk ausgenutzt wurde, bevor sie nun sämtliche befallenen Computer austauschten und alle Sicherheitslücken schlossen.
Angriff zwecklos
Beweise, dass es sich bei der Attacke tatsächlich um einen koordinierten Angriff staatlicher chinesischer Stellen handelt, gibt es nicht. Doch laut ATT waren die Aktivitäten typisch für frühere Angriffe, von denen man annimmt, dass sie vom chinesischen Militär durchgeführt wurden. Zudem habe man festgestellt, dass die Fremden ihre Arbeit stets morgens um acht Uhr chinesischer Zeit aufnahmen und meist nach Ablauf eines typischen Arbeitstages beendeten.
Mandiant zufolge haben die Täter dabei versucht, ihre Identität zu verschleiern, indem sie nicht direkt von Servern in China auf die "New York Times"-Rechner zugriffen. Stattdessen leiteten sie ihren Datenverkehr über Rechner mehrerer US-Universitäten um und wechselten regelmäßig ihre IP-Adressen.
Erstaunlich ist, dass die Angreifer, obwohl sie nahezu unbeschränkten Zugriff auf das gesamte "NYT"-Netzwerk hatten, offenbar kaum Schaden anrichteten. Sie hätten durchaus den Produktionsprozess der Zeitung lahmlegen oder deren Online-Auftritt abschalten können, berichtet das Blatt. Stattdessen aber scheinen die Angreifer nur ein Ziel gehabt zu haben: die E-Mail-Accounts von David Barboza, dem Leiter des Büros der "NYT" in Shanghai.
Barboza war es, der die Daten über den Reichtum der Familie Wen zusammengetragen und für die Zeitung aufgeschrieben hatte. Die Angreifer hätten versucht, Informationen über die Informanten auszuspionieren, die Barboza zu den Finanzdaten verholfen haben. Das aber, so die Zeitung, sei von Anfang an ein fruchtloses Unterfangen gewesen: Barboza hat - und so steht es auch in seinem Artikel - die Daten komplett aus öffentlich zugänglichen Quellen bei der chinesischen Industrie- und Handelskammer zusammengetragen.
 
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