SPIEGEL ONLINE
06.02.2013
 
"Black Hornet"
Briten setzen Mini-Drohne in Afghanistan ein
Von Markus Becker
Die Drohne hat die Länge und das Gewicht eines Kugelschreibers und soll das Leben der Soldaten sicherer machen. Die britische Armee setzt in Afghanistan einen neuen Mini-Späher ein. Fraglich ist, wie viele der Maschinen in den Händen der Taliban landen.
Hamburg - Großformatige Drohnen können ausgedehnte Gebiete überwachen, als Helikopter gewaltige Lasten schleppen, mit ihren Waffen töten oder gleich Kamikaze-Attacken fliegen, die halbe Welt ohne Tankstopp umfliegen und im Weltraum monatelang die Erde umkreisen. Zugleich gibt es bei den unbemannten Flugzeugen auch den Trend zur Miniaturisierung - und der führt nicht nur dazu, dass Drohnen inzwischen beliebte Spielzeuge sind: Die britische Armee setzt in Afghanistan neuerdings einen fliegenden Späher von wahrhaft winzigen Ausmaßen ein.
Die PD-100 "Black Hornet" besitzt eine Rumpflänge von etwa zehn Zentimetern und ein Gesamtgewicht von 16 Gramm, was in ungefähr einem Kugelschreiber entspricht. Nach Angaben des norwegischen Herstellers Proxdynamics ist das Gerät die mit Abstand kleinste einsatzfähige Mikrodrohne der Welt. Das komplette System mit Basisstation, Kontrollmonitor und zwei Flugzeugen soll insgesamt weniger als 1,5 Kilogramm wiegen.
Das Londoner Verteidigungsministerium hat nach eigenen Angaben 160 "Black Hornets" für insgesamt 20 Millionen Pfund (23 Millionen Euro) gekauft. Das "revolutionäre neue System" sei bereits seit 2012 in Afghanistan im Einsatz, wie eine Sprecherin des Ministeriums der BBC sagte. Das wäre ein Stückpreis von immerhin fast 144.000 Euro.
Tödlich auch ohne eigene Waffen
Die Mini-Drohne soll einzelnen Soldaten die Möglichkeit geben, die Umgebung aus sicherer Entfernung zu erkunden - weshalb die PD-100 auch als "Personal Reconnaissance System" vermarktet wird. Der kleine Helikopter soll mit seiner beweglichen Kamera Video- und Standbilder an einen kleinen Monitor schicken. Das soll bis zu einer Entfernung von 1000 Metern funktionieren. Eine knappe halbe Stunde lang kann die "Black Hornet" nach Herstellerangaben fliegen, ehe die Batterie schlapp macht.
Der Mini-Helikopter soll außerdem so leise sein, dass er sich Menschen unentdeckt bis auf wenige Meter nähern kann. Die Kamera könne "ein Gesicht heranzoomen und es so lange wie nötig im Bild halten", zitierte die Zeitung "Mail on Sunday" einen Soldaten einer britischen Aufklärungseinheit. "Auf diese Weise kann man hochrangige Ziele identifizieren." Damit kann die "Black Hornet" - auch wenn sie viel zu klein ist, um eigene Waffen zu tragen - durchaus auch zu tödlichen Einsätzen beitragen, etwa indem sie die GPS-Koordinaten für einen Luft- oder Artillerieangriff überträgt.
Videos vom Einsatz der Drohne in Afghanistan gibt es bisher nicht. Die einzigen Filme, die Proxdynamics auf YouTube veröffentlicht hat, zeigen Prototypen beim Flug durch geschlossene Räume. In denen aber gibt es, anders als beim Einsatz in Afghanistan, weder Wind noch Sand.
Sind Quadrocopter effizienter?
Proxdynamics-Sprecher Ole Aguirre sagte SPIEGEL ONLINE, die Drohne funktioniere noch bei Windgeschwindigkeiten von 10 bis 20 Knoten, was 19 bis 38 km/h oder Windstärke vier bis fünf entspräche. Offen ist, ob diese Angabe realistisch ist. Denn zum einen soll die Höchstgeschwindigkeit des Mini-Fliegers bei lediglich 36 km/h liegen. Zum anderen sind selbst deutlich größere Modelle windanfälliger - wie etwa die "Mikado", die kleinste Drohne der Bundeswehr. Sie ist mit einem Meter Durchmesser und 1,5 Kilogramm Gesamtgewicht ebenfalls geradezu winzig für eine Drohne, wirkt neben der "Black Hornet" aber riesig. Dennoch kann sie laut Bundeswehr schon ab einer Windgeschwindigkeit von 25 km/h nicht mehr benutzt werden.
Entsprechend skeptisch äußerte sich ein Bundeswehrsoldat mit Einsatzerfahrung in Afghanistan über die "Black Hornet". Insbesondere bei stärkerem Wind seien Quadrocopter, zu denen auch die "Mikado" gehört, "bei weitem effizienter". Ein Brancheninsider äußerte sich ebenfalls kritisch: Die Angaben zur Leistung der "Black Hornet" seien unglaubwürdig, der Preis völlig überhöht.
Die britische Armee gibt sich dagegen überzeugt von ihrem neuen Mini-Späher. "Früher hätten Soldaten selber prüfen müssen, ob sich in einem Gebäude feindliche Kämpfer aufhalten", sagte ein Offizier. Jetzt könne "Black Hornet" diese Aufgabe übernehmen. "Sie ist so klein und leise, dass die Einheimischen sie weder sehen noch hören." Auch Philip Dunne, der britische Minister für Wehrtechnik, schwärmt auf der Website seines Hauses: Systeme wie "Black Hornet' gehörten zu den wichtigen Komponenten der Zukunft.
Bleibt die Frage, wie viele der neuen Mini-Drohnen in den Händen der Taliban landen, sollten die Hightech-Späher in Zukunft in größerer Zahl eingesetzt werden. Die "Black Hornet" besitze Sicherheitsmechanismen, die eine unbefugte Benutzung verhindern sollen, sagte Proxdynamics-Sprecher Aguirre. Wie genau die funktionieren, wollte er allerdings nicht verraten.
FOTOSTRECKE

 
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