SPIEGEL ONLINE
12.02.2013
 
Justizskandal in Israel
Erstickter Häftling soll Mossad-Agent gewesen sein
DPA
In Israel wurde ein Unbekannter in strenger Isolationshaft gehalten, bis er sich mutmaßlich selbst umbrachte. Wer war der mysteriöse Gefangene X? Ein TV-Sender will das Rätsel gelöst haben. Der Mann soll ein australisch-stämmiger Mossad-Agent gewesen sein.
Es klingt wie der Anfang eines Spionagethrillers. Ein Unbekannter wird im israelischen Hochsicherheitsgefängnis Ajalon in Ramla in strenger Isolationshaft gehalten. Selbst seine Wärter sollen sich nicht mit ihm unterhalten. Sie wissen nicht, welches Verbrechen der Mann begangen hat. Sie kennen noch nicht einmal seinen Namen.
Es muss ein wichtiger Gefangener sein. Der Mann sitzt in der Abteilung 15 im Isolationstrakt in der einzig komplett videoüberwachten Zelle des Gefängnisses. Sie wurde ursprünglich für den Mörder von Israels Premierminister Jizchak Rabin gebaut. Doch der wurde dann in ein anderes Gefängnis verlegt.
Der unbekannte Häftling sitzt seit Anfang 2010 in seiner Zelle. Es vergehen mehrere Monate, dann reicht es einem seiner Wärter: Er kontaktiert den israelischen Journalisten Raanan Ben-Tzur und erzählt ihm von dem geheimen Gefangenen. "Es ist beängstigend, dass im Jahr 2010 jemand in Israel im Gefängnis sitzen kann, ohne dass wir wissen, wer er ist", sagt der Wärter.
Der Journalist veröffentlicht die Geschichte, Menschenrechtsorganisationen fordern Aufklärung. Doch dann gibt es einen Maulkorb: Ein israelisches Gericht verbietet jegliche öffentliche Diskussion und Berichterstattung.
Der "Häftling X", wie er schnell genannt wird, stirbt Ende 2010 in Haft. Trotz der permanenten Videoüberwachung soll es ihm gelungen sein, sich in seiner Zelle aufzuhängen und zu ersticken.
Der Häftling soll Mossad-Agent gewesen sein
Wer war der mysteriöse Gefangene? Reporter des staatlichen australischen Fernsehsenders ABC wollen die Identität des Mannes aufgeklärt haben. Der "Häftling X" soll Ben Zygier gewesen sein - ein Australier, der um das Jahr 2000 herum nach Israel einwanderte und dort den Namen Ben Alon annahm. Später ließ er sich in seinen australischen Reisepass als Ben Allen führen. Nach Recherchen von ABC soll Ben Zygier alias Alon alias Allen beim Mossad angeheuert haben.
In Israel hat die Dokumentation der ABC sofort für Aufregung gesorgt. Die Zeitung "Haaretz" berichtete auf ihrer Internetseite, dass die israelische Regierung am Dienstag ein Treffen mit israelischen Journalisten ansetzte. Dabei habe man den Redakteuren eingeschärft, sie sollten mit der Regierung kooperieren und bestimmte Informationen nicht veröffentlichen, die eine gewisse Regierungsbehörde blamieren könnten. "Haaretz" ließ dabei kaum einen Zweifel, um welche Informationen es gehen könnte: Den Artikel verlinkte die Zeitung mit alten Berichten über den "Häftling X".
"Ich bin nicht abgeneigt, von der israelischen Regierung eine Erklärung zu fordern, was mit Herrn Allen passierte und was ihre Sicht der Dinge ist", sagte Australiens Außenminister Bob Carr der ABC.
Die Familie von Ben Zygier in Australien wollte sich auf Anfragen der ABC nicht äußern. Sie hat die Leiche des damals 34-Jährigen im Dezember 2010 in Melbourne in Empfang genommen. Am 22. Dezember wurde Ben Zygier dort auf dem jüdischen Friedhof begraben.
Hat der Häftling Geheiminformationen verraten?
Selbst wenn die Identität des "Gefangenen X" nun geklärt sein könnte, bleibt immer noch eine wesentliche Frage: Was hat der Mann verbrochen, dass er anonym und ohne Anklage im Isolationstrakt verschwand?
Sollte der mysteriöse Gefangene tatsächlich für den Mossad gearbeitet haben, könnte es sich um einen Doppelagenten handeln - einen sogenannten Landesverräter.
Als SPIEGEL ONLINE 2010 über den Fall berichtete, verwies ein Menschenrechtler sofort auf Parallelen zu anderen in Israel verschwundenen "Landesverrätern". So wurden der israelische Biologe Marcus Klingberg insgesamt 16 Jahre unter falschem Namen in Haft gehalten, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Klingberg hatte im Auftrag Moskaus spioniert und Informationen über Israels biologische Waffen verraten. In einem anderen Fall war die israelische Journalistin Anat Kam monatelang heimlich unter Hausarrest gehalten worden. Sie hatte während ihres Armeediensts geheime Militärdokumente an einen Journalisten weitergereicht.
 
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