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13.02.2013
 
Zahlen zur Berufsausbildung
Erst Abi, dann Azubi
Getty Images
Ein Rekord an deutschen Hochschulen: Rund 2,5 Millionen Studenten sind derzeit immatrikuliert. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen, dass immer mehr Abiturienten sich gegen die Uni entscheiden - und lieber eine Ausbildung machen.
Exportschlager aus Deutschland? Autos und Maschinen natürlich. Doch auch die duale Berufsausbildung klettert auf der Hitliste stetig nach oben. In Spanien , die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Und nun lobte auch US-Präsident Barack Obama das hiesige System. "Diese deutschen Kids sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen", sagte er am Dienstagabend in Washington. "Sie wurden für die Jobs ausgebildet, die es gibt."
Der Präsident versuchte, den versammelten Kongressabgeordneten und Millionen Fernsehzuschauern in wenigen Sätzen die Vorzüge der deutschen Berufsausbildung näherzubringen. Deutsche Jugendliche könnten die Oberschule bereits mit einem handwerklichen Abschluss verlassen, den man in den USA erst nach der Highschool an sogenannten Community Colleges machen könne.
In Wahrheit ist die Sache freilich etwas komplexer. Auch hierzulande braucht man in der Regel einen Schulabschluss, um in die duale Ausbildung starten zu können. Formell ist das zwar nicht vorgeschrieben. Aber kaum ein Unternehmen wählt Bewerber aus, die die Schule abgebrochen haben.
Jeder Fünfte könnte auch an einer Hochschule studieren
Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen sogar: Immer mehr Azubis in Deutschland haben Abitur. Gut jeder fünfte Anfänger einer Berufsausbildung hätte 2011 auch an einer Uni oder einer Fachhochschule studieren können, teilten die Statistiker am Mittwoch mit. Seit 2005 habe die Zahl der Auszubildenden mit Studienberechtigung konstant zugenommen, und zwar von 17,7 Prozent auf 22,1 Prozent.
Das liege vor allem daran, dass die sei, hieß es. Im Jahr 2011 war der Anstieg besonders drastisch: In Bayern und Niedersachsen machten zwei Jahrgänge gleichzeitig das Abitur und die Wehrpflicht wurde abgeschafft. So viele Erstsemester wie nie zuvor strömten an die deutschen Hochschulen. Ein Teil der Abiturienten entschied sich lieber für eine Berufsausbildung. Dort war der Ansturm allerdings weit weniger stark als an den Universitäten.
2011 fingen insgesamt 741.000 Menschen eine Berufsausbildung an. 524.000 entschieden sich nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamts für eine duale Ausbildung, die man direkt in einem Betrieb und an der Berufsschule absolviert. Die anderen ließen sich zum Beispiel an Berufsfachschulen zum Holzbildhauer, Fremdsprachenassistenten, Koch oder Physiotherapeuten ausbilden. Dort dauern die Bildungsgänge meist ein bis drei Jahre, sind stärker verschult und nicht vergütet.
Fast jeder zweite Auszubildende hatte die Realschule abgeschlossen und etwa jeder vierte die Hauptschule. 2,6 Prozent konnten keinen Schulabschluss vorweisen.
Zehntausende im Übergangsbereich geparkt
Das deutsche Ausbildungssystem hat allerdings auch Schattenseiten: Rund 284.000 junge Menschen landeten 2011 im Übergangsbereich. Weil sie keine Lehrstelle fanden, besuchen sie Kurse an Berufsschulen und andere Fördermaßnahmen, die ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz steigern sollen. Experten kritisieren schon lange, dass Jugendliche darin eine Warteschleife nach der anderen drehen, letztendlich ohne einen Abschluss bleiben und auch nichts verdienen.
Gut die Hälfte der Neuzugänge im Übergangsbereich hatte die Hauptschule abgeschlossen. Fast jeder Vierte hatte einen Realschulabschluss, rund eineinhalb Prozent konnten sogar eine allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife vorweisen. Nur knapp jeder Fünfte hatte die Schule abgebrochen.
Die Zahl der Jugendlichen, die neu im Übergangsbereich landen, ist in den vergangenen Jahren zwar gesunken. Dennoch konkurrieren Jahr für Jahr mehr Menschen in der Warteschleife mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Lehrstellen.
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