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14.02.2013
 
S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal
Dann schafft doch gleich die Zeugnisse ab!
Eine Kolumne von Jan Fleischhauer
DPA
In Niedersachsen soll jetzt das Sitzenbleiben verboten werden. Da stellt sich die Frage: Warum so zögerlich? Wer der Stigmatisierung Schwächerer vorbeugen will, müsste eigentlich ganz auf Zensuren verzichten.
Schwierigkeiten in der Schule? Probleme mit den Zensuren? Versetzung gefährdet? Alles kein Problem, vorausgesetzt Sie leben im Reformland Niedersachsen. Mit der Unterschrift unter den Koalitionsvertrag hat die neue Regierung nicht nur das Aus für Gorleben, die Studiengebühren und den ungehinderten Ausbau der Massentierhaltung beschlossen. Auch das Sitzenbleiben soll in dem rot-grünen Angestellten- und Bauernstaat künftig der Vergangenheit angehören.
Sitzenbleiben sei zu teuer, heißt es zur Begründung. Eine Milliarde kostet das zusätzliche Jahr auf der Schulbank angeblich die Republik. Außerdem, und das zählt in diesem Fall doppelt, werde die Zurückstufung als eine "persönliche Demütigung" empfunden, die man den Betroffenen gerne ersparen wolle, wie die grüne Bildungsexpertin Ina Korter dieser Tage erläuterte.
Inklusion statt Stigmatisierung - das ist nicht nur für die niedersächsischen Landeskinder eine gute Nachricht, sondern auch für alle, die sich anderswo schwertun. Man kann sicher sein, das Verbot wird seine Signalwirkung nicht verfehlen. Früher war Schulversagen ein Schicksal, heute muss man im Ernstfall nur nach Hannover und Umgebung ziehen.
Auch so lässt sich Standortpolitik betreiben. Smart.
Wir haben uns abgewöhnt, Schwächen herauszustellen. Niedersachsen folgt mit seinem Verbot einem Trend, auch in Hamburg hat man bis zum Abitur viel Verständnis für die Lernschwachen. Wenn man den Reformern einen Vorwurf machen kann, dann eigentlich nur den, dass sie auf halbem Wege stehenbleiben. Warum es beim Verbot des Sitzenbleibens belassen? Warum nicht gleich Noten und überhaupt Zeugnisse abschaffen? Wenn man darüber nachdenkt, ziehen wir die Bildungsdebatte vom falschen Ende her auf. Statt die Kinder in Gemeinschaftsschulen zu schicken, wo sie dann am Ende doch wieder mit unterschiedlichen Bewertungen ins Leben entlassen werden, könnte man ganz auf Bildungsabschlüsse verzichten. Das wäre ein wirklicher Schritt zu Gleichheit und Chancengerechtigkeit.
Bildungspolitik verläuft in großen Zeitschleifen
Den Älteren unter den Lesern wird das alles seltsam vertraut vorkommen. Die deutsche Bildungsdiskussion verläuft in einer großen Zeitschleife: Irgendwann kommt alles wieder zurück. So erleben wir nicht nur eine Renaissance der Gesamtschulidee, trotz aller Schulvergleichstests, die einen gegenteiligen Schluss nahelegen würden. Auch die Noten-Diskussion gab es schon einmal, in den siebziger Jahren, als auf breiter Front dem "Leistungsterror" der Kampf erklärt wurde. Wenn es so weitergeht, diskutieren wir demnächst sogar wieder, ob nicht korrekte Rechtschreibung eine Bildungsbarriere ist, die man so nicht mehr akzeptieren sollte.
In Hannover läuft der Vorstoß zum Sitzenbleiben-Verbot unter der Überschrift "Mehr Bildungschancen". Gegen Bildungschancen für alle kann niemand etwas haben. Die Frage ist nur, ob es wirklich um das Unterschichtenkind geht, dem man gerne aufhelfen würde, oder nicht vielmehr um den Sprössling aus dem Grünen-Haushalt, der sich vor der Blamage durch die Ehrenrunde fürchtet. Man muss sich nur einmal mit Lehrern unterhalten, wie schnell heute der Anwalt in der Tür steht, wenn ein Kind schlechte Zensuren nach Hause bringt, dessen Eltern zu den bildungsnahen Schichten gehören. Immer weniger Leute im bürgerlichen Milieu können sich offenbar vorstellen, dass es bei dem eigenen Nachwuchs an Intelligenz oder Leistungswillen mangelt, das lässt die Eigenliebe nicht zu.
Möglicherweise liegt im Standesdünkel auch die wahre Erklärung, warum bei gleicher Begabung Bildungskarrieren in Deutschland trotz aller Reformbemühungen noch immer so unterschiedlich verlaufen. Je höher die soziale Stellung, desto größer die Erwartung an die Schule. Das muss nicht einmal ausgesprochen werden. Jeder Lehrer weiß, welchen Ärger er sich einhandelt, wenn er dem Architektenkind die Gymnasialempfehlung verweigert. Eltern mit geringerer Schulbildung trauen ihren Kindern weniger zu. Deshalb machen sie auch keinen Rabatz, wenn das Kind nur auf die Realschule kommt.
CDU überlässt das Feld der Gegenseite
Sieht man die Dinge politisch, kann man sich nur wundern, wohin die Diskussion seit geraumer Zeit steuert. Seit es die Pisa-Studien gibt, zeigt sich die Überlegenheit der Bundesländer, in denen man sich von größeren Schulexperimenten ferngehalten hat. Zu den Ländern, die international mithalten können, zählten bislang Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen. Da in allen über viele Jahre Christdemokraten regierten, hätte die CDU allen Grund, stolz auf ihren Erfolg zu sein. Doch eigenartigerweise überlässt man das Feld der Gegenseite. Mit dem Verlust von Niedersachsen stellt die CDU jetzt keinen einzigen Kultusminister mehr. Man kann den Verzicht für ein Zeichen besonderer Souveränität halten. Oder für eine große Dummheit.
Es wird sich erweisen, welche Auswirkungen es hat, wenn man den Leistungswillen von der ersten Klasse an schwächt. Leider gehört die Bildungspolitik zu den Bereichen, in denen sich Fehler erst zeigen, wenn es für eine Korrektur zu spät ist. Was in der Schule versäumt wurde, bekommt man im Nachhinein nicht mehr in die Köpfe, selbst wenn man nun gern alles anders machen würde. Damit gleicht die Bildungspolitik dem Schuldenmachen, wo immer die nächste Generation für die Versäumnisse in der Gegenwart gerade stehen muss.
 
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