SPIEGEL ONLINE
18.02.2013
 
Hells Angels vs. Satudarah
Eskalation im Rockerkrieg
Von Jörg Diehl
dapd
Anschläge mit Handgranaten, Schießereien, Messerattacken: In Duisburg eskalieren die Revierkämpfe zwischen zwei Rockerbanden. Vertrauliche Unterlagen der Polizei zeigen, wie gefährlich die Lage inzwischen ist.
Duisburg - Seit zwei Nächten wird in Duisburg scharf geschossen. Zunächst feuerten Unbekannte auf das Vereinsheim des Motorradclubs Satudarah in Duisburg-Rheinhausen und zersiebten einen davor abgestellten Mercedes. Dann attackierten Bewaffnete einen Kiosk im Stadtteil Ruhrort, der dem Umfeld der Hells Angels zugerechnet wird. Zuvor war es bereits zu Massenschlägereien zwischen den verfeindeten Gangs gekommen.
Doch was ist der Grund für die eskalierenden Straßenkämpfe in der Ruhrgebietsstadt? Wie aus einem vertraulichen Lagebericht ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") der Polizei hervorgeht, vermuten die Ermittler Revierstreitigkeiten als Auslöser der Konflikte. Demnach sollen die Satudarah-Anhänger im Internet die Platzhirsche der Hells Angels beleidigt haben. Hinzu kommt, dass einige mutmaßlich beteiligte Höllenengel sich offenbar vor den eigenen Leuten unbedingt mit Gewaltakten beweisen wollen.
Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler könnten einige der Angreifer nämlich zu den Krefelder Hells Angels gehören, die im November unter Führung des Deutsch-Iraners Ramin Y., 24, von den Bandidos zur Konkurrenz übergelaufen waren. Die Polizei mutmaßt, dass die Männer in Duisburg "Konflikt verschärfend" wirkten, weil sie sich in den Strukturen ihres neuen Clubs profilieren wollten. Auch Szenekenner aus dem Rockermilieu äußern diesen Verdacht.
Nach Einschätzung der Ermittler ist die Situation jedenfalls brisant. "Mitglieder beider Gruppierungen haben Zugang zu Waffen unterschiedlichster Art", notierte ein Kriminaloberrat des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts in einem Bericht. Im Konfliktfalle sei mit dem Einsatz dieser Waffen zu rechnen. Im Vorfeld von Auseinandersetzungen erfolge mitunter eine verdeckte Deponierung der Messer, Pistolen und Knüppel. Insgesamt gelte derzeit für die Rockerszene im Westen: "Die Gesamtlage bleibt dynamisch."
Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus, teilte mit: "Wir beobachten einen Verdrängungs- und Machtkampf von besonderer Brutalität." Es müsse verhindert werden, "dass Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten. Kriminelle Rockergruppen bedürfen der permanenten Überwachung." Rettinghaus forderte in diesem Zusammenhang eine Regelung der Vorratsdatenspeicherung, die noch immer vom Bundesjustizministerium blockiert werde.
Umkämpfte Rockerhochburg
Duisburg gilt nach Berlin als umkämpfteste Bikerhochburg in Deutschland. In dem ebenso großen wie umsatzstarken Rotlichtviertel der Stadt stehen sich die verfeindeten Motorradgangs seit Jahren auf den Füßen, hier erschoss der Hells Angel Timur A. im Oktober 2009 den Bandido "Eschli" Elten. Im Anschluss kam es immer wieder zu brutalen Revierstreitigkeiten und Vergeltungsaktionen.
Verschärft wurde die Situation zuletzt noch dadurch, dass sich weitere Banden formierten. So schloss sich der MC Brotherhood Clown-Town im Frühjahr 2012 schließlich dem berüchtigten Satudarah MC aus den Niederlanden an. Laut nordrhein-westfälischem Innenministerium gehören der Bande etwa 30 Rocker an. "Die Mitglieder sind überwiegend keine deutschen Staatsangehörigen", heißt es in einem Bericht des Innenausschusses.
Darüber hinaus wurden in Duisburg auch schon Männer mit Shirts des Rockerclubs Mongols gesichtet, zudem haben sich in der Region das Gremium-Chapter Bosporus West und ein Ableger der vor allem in Baden-Württemberg starken Türstehergang United Tribuns eingerichtet.
Satudarah wiederum ist der größte niederländische Bikerclub und wird laut Polizei immer wieder mit der Organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht. Nach Erkenntnissen der Behörden expandiert der Club derzeit vor allem nach NRW. In Deutschland steht die Gruppierung den Bandidos nahe. "Gemeinsamer Feind sind die Hells Angels", so ein Beamter. "Bei einem Aufeinandertreffen der Rockergruppierung Satudarah und der Hells Angels sind Auseinandersetzungen nicht auszuschließen", heißt es in einem vertraulichen Vermerk der Beamten. Im vergangenen Jahr detonierten in Duisburg sogar Handgranaten, unter anderem in einem Wettbüro, das den Höllenengeln zugeordnet wird.
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