SPIEGEL ONLINE
13.03.2013
 
Zehn Jahre Irak-Krieg
Kopfgeld auf den Kriegspremier
Von Carsten Volkery, London
FOTOSTRECKE
Die Irak-Invasion ist zehn Jahre her, doch die Kriegsgegner lassen Tony Blair keine Ruhe: Wo der britische Ex-Premier hinkommt, droht ihm ein "Bürgerarrest". Wer ihn festnimmt, bekommt mehrere tausend Pfund Kopfgeld aus einem Spendenfonds - viermal wurde die Summe schon ausgezahlt.
David Cronin erinnert sich noch genau: Der Ire stand mit anderen Reportern in einem Korridor im Europäischen Parlament in Brüssel und wartete auf Tony Blair. Der britische Ex-Premierminister war als Gastredner zu einer Palästina-Konferenz eingeladen.
Als das bekannte Gesicht im Gang auftauchte, gab Cronin sich einen Ruck. Er trat vor, legte Blair die Hand auf den Arm und sagte: "Mr. Blair, dies ist ein Bürgerarrest. Ich nehme Sie wegen Verbrechen gegen den Frieden fest."
Der Angesprochene schaute ihn mit unbewegter Miene an und sagte kein Wort. "Gott sei Dank hat er mir nicht dieses Blair-Grinsen gegeben", sagt Cronin. Er konnte noch rufen "Sie sind ein Kriegsverbrecher", dann führten ihn die Bodyguards in einen anderen Raum ab. Cronins Personalien wurden kurz aufgenommen, dann durfte er gehen.
Am nächsten Tag stand der Zwischenfall in mehreren britischen und irischen Zeitungen, Cronin hatte sein Ziel erreicht. Kurze Zeit später erhielt er einen Scheck über 2420,89 Pfund von der Kampagne ArrestBlair.org. Das Geld spendete er an wohltätige Organisationen.
Symbolischer Arrest mit großer Resonanz
Das war 2010. Doch wiederholt sich die Szene regelmäßig. Kriegsgegner in aller Welt lassen Blair auch zehn Jahre nach dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen in den Irak keine Ruhe. Sie halten den früheren Regierungschef für einen Kriegsverbrecher, verantwortlich für eine völkerrechtswidrige Attacke, die 100.000 Zivilisten das Leben gekostet hat. Sie wollen ihn vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen - eine Forderung, die zuletzt der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu erhob.
Vor drei Jahren hat der britische Aktivist und Journalist George Monbiot die ArrestBlair-Kampagne ins Leben gerufen. Das englische Recht erlaubt jedem Menschen, auch Nicht-Briten, einen "Bürgerarrest" vorzunehmen. Niemand glaubt, dass Blair tatsächlich vor Gericht landen wird. Aber es geht um die Symbolik und die politische Resonanz.
"Wir wollen zeigen, dass man nicht einfach mit einem Massenmord davonkommen kann", erklärt der 50-jährige Monbiot, der eine wöchentliche Kolumne im linken "Guardian" schreibt. "Die Botschaft ist nicht nur an Blair gerichtet, sondern auch an künftige Staatsmänner, die einen Akt der Aggression planen."
Wer zu Blair vordringt, erhält ein Kopfgeld aus einem Spendentopf. Ein Festnahmeversuch gilt als erfolgreich, wenn das Wort "Bürgerarrest" fällt und mindestens ein Mainstream-Medium darüber berichtet. Als Belohnung wird dann ein Viertel des Spendentopfs ausgeschüttet. Seit dem Start der Kampagne im Januar 2010 wurde bereits viermal gezahlt, die Summe bewegte sich zwischen 2420 und 3129 Pfund. Der Spendentopf füllt sich immer wieder, es gibt offenbar genug Leute in aller Welt, die Blair blamiert sehen wollen.
Blair: "Manche Leute werden sehr ausfällig"
Es gab auch Festnahmeversuche, die nicht zählten. Im vergangenen Sommer etwa unterbrach ein Aktivist Blairs Aussage vor der Leveson-Untersuchungskommission. Er beschimpfte den Ex-Premier als "Kriegsverbrecher", vergaß aber, ihn auch festzunehmen. Sein Antrag auf Kopfgeld wurde daher abgelehnt.
Das Schwierigste ist, Blair überhaupt zu finden. Seine öffentlichen Auftritte werden meist nicht groß angekündigt. Die Vorschau auf der Kampagnen-Webseite listet nur ein einziges Ereignis im laufenden Jahr. Aus Sicht von Tom Grundy, der Blair 2012 bei einer Rede an der Hongkong University festgenommen hat, spricht dies dafür, dass die Taktik der globalen Bürgerpolizei aufgeht. "Wir wollen sein Leben so schwer wie möglich machen", sagt Grundy. "Seine Gastgeber sollen zweimal darüber nachdenken, ob sie sich das wirklich antun wollen."
Blair selbst reagiert längst nicht mehr überrascht, wenn er mal wieder festgenommen werden soll. "Ich bin daran gewöhnt", sagte er nach Grundys Auftritt zum Publikum. In der BBC-Sendung "Newsnight" sagte der Labour-Politiker kürzlich, manche Leute würden "sehr ausfällig", wenn sie ihm begegneten. Er habe schon vor langem aufgegeben, jemanden davon zu überzeugen, dass die Irak-Invasion richtig war. Inzwischen versuche er Verständnis dafür zu wecken, wie komplex und schwierig seine Entscheidung gewesen sei.
Seine Verteidiger weisen darauf hin, dass es keinen Grund für eine Anklage gebe. Erstens hätten das Parlament und das britische Volk den Krieg unterstützt. Und zweitens hätten sämtliche Untersuchungskommissionen die Regierung vom Vorwurf freigesprochen, den Krieg unter bewusster Vortäuschung falscher Tatsachen begonnen zu haben.
In großen Teilen der britischen Öffentlichkeit ist Blairs Image aber weiterhin verheerend. Die Buchtour nach der Veröffentlichung seiner Memoiren musste er teilweise absagen - aus Angst vor Störenfrieden. Monbiot ist das ganz recht. "Blair sagt immer, wir sollten endlich darüber hinwegkommen", sagt er. "Aber wir machen weiter, solange er lebt."
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