SPIEGEL ONLINE
11.03.2013
 
Aufstocker
Callcenter kosten den Staat jährlich 36 Millionen Euro
Von Yasmin El-Sharif
DPA
Die umstrittene Callcenter-Branche wächst - auch dank großzügiger Subventionen der Bundesregierung: 2011 flossen rund 36 Millionen Euro in den Sektor. Der Großteil waren Hartz-IV-Leistungen an Beschäftigte, deren Lohn nicht zum Leben reicht.
Hamburg - Miese Bezahlung, starke Fluktuation, kaum Tarifbindung - die Callcenter-Branche hat eines der schlechtesten Images in der deutschen Arbeitswelt. Dennoch wächst sie Jahr für Jahr weiter. Inzwischen arbeitet rund eine halbe Million Menschen in dem Sektor. Ein Boom, für den die Bundesregierung offenbar entscheidend mitverantwortlich ist, wie aus einer Antwort des Arbeitsministeriums hervorgeht auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag. Die Antworten liegen SPIEGEL ONLINE vor.
Bedenklich ist vor allem ein Punkt: Der größte Anteil der staatlichen Gelder fließt Regierungsangaben zufolge an Callcenter-Beschäftigte, deren Lohn nicht zum Leben reicht. So stockte die Bundesregierung 2011 den Lohn von Mitarbeitern der Branche mit 32,7 Millionen Euro Hartz-IV-Leistungen auf. Zwar arbeiten in Callcentern viele in Teilzeit oder als Minijobber. Aber selbst Vollzeitbeschäftigte erhielten den Angaben zufolge durchschnittlich 461 Euro pro Monat, weil sie sonst unter das Hartz-IV-Niveau gefallen wären.
Die Daten überraschen kaum, wenn man sich den Anteil der Callcenter-Beschäftigten anschaut, die ein Entgelt unterhalb der offiziellen Niedriglohnschwelle von 10,36 Euro brutto in der Stunde beziehen. Im Jahr 2010 - aktuellere Daten liegen nicht vor - waren es mehr als 68 Prozent. Der Niedriglohnanteil in Callcentern war damit dreimal so hoch wie in der Gesamtwirtschaft.
Neben den Hartz-IV-Leistungen bezuschusst der Staat die Callcenter zusätzlich. So gingen in den Jahren 2011/2012 noch mal rund fünf Millionen Euro als Fördermittel an die Branche, davon allein 3,4 Millionen Euro im Jahr 2011. In der Summe subventionierte der Staat die Firmen also in einem Jahr mit 36,1 Millionen Euro.
Die Fördergelder stammen aus Töpfen von Bund und Ländern zur "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur". Größte Profiteure waren die Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Zu den geförderten Unternehmen zählen auch Callcenter großer deutscher Konzerne.
Fluktuation bei mehr als 50 Prozent
Die Antworten der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage erscheinen auch in anderer Hinsicht wie ein Beleg für gängige Vorurteile über Callcenter. So ist die Fluktuation in den Callcentern enorm: Im Jahr 2011 lag sie bei 50,2 Prozent. Das dürfte allerdings auch daran liegen, dass in der Branche viele Studenten und Minijobber arbeiten. dennoch: In der Gesamtwirtschaft liegt die Fluktuation bei rund 28 Prozent.
Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Sabine Zimmermann, sieht die hohe Fluktuation als Beleg für die Missstände in Callcentern. "Es muss Schluss sein mit Billiglöhnen in der Branche. Sie kommen auch die Gesellschaft teuer zu stehen, die die Niedriglöhne mit Sozialleistungen aufstockt", sagt Zimmermann.
Sie sieht vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, da in der Branche gerade mal eine Handvoll Tarifverträge gelten. Zwar kündigten vor einem Jahr Vertreter der Callcenter-Branche an, einen Arbeitgeberverband zu gründen, um dann über einen Tarifvertrag zu einem Branchenmindestlohn zu kommen. Bisher sei aber nichts passiert, kritisiert Zimmermann. Nach eigenen Angaben führe die Bundesregierung mit den Vertretern der Callcenter-Branche vertrauliche Gespräche, hat aber "keine Kenntnisse über den aktuellen Stand solcher Aktivitäten", wie aus der Kleinen Anfrage hervorgeht.
Fördermittel müssten an soziale Kriterien wie etwa das Vorhandensein von Tarifverträgen geknüpft werden, fordert die Linken-Politikerin weiter. "Und wir brauchen endlich einen gesetzlichen Mindestlohn."
 
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