SPIEGEL ONLINE
07.04.2013
 
Ergebnis des Athener Geheimberichts
Deutschland schuldet Griechenland Reparationen
Von Georgios Christidis, Thessaloniki
REUTERS
Noch ist der Bericht streng geheim - bald könnte er großen Ärger auslösen: Auf 80 Seiten arbeitet eine Expertenkommission der griechischen Regierung die möglichen Reparationsforderungen des Landes an Deutschland auf. Doch die Führung in Athen scheut sich, die Ergebnisse zu veröffentlichen.
Die Sonntagsausgabe der Zeitung "To Vima" macht deutlich, worum es geht: "Was Deutschland uns schuldet" überschreibt das Blatt seinen Artikel über mögliche Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Monatelang arbeitete eine Expertenkommission im Auftrag des Athener Finanzministeriums an dem Bericht: Herausgekommen sind 80 Seiten, "streng geheim".
Doch nun sickern erste Inhalte durch. Wie "To Vima" berichtet, kommt die Kommission zu einem eindeutigen Ergebnis: "Griechenland hat niemals irgendwelche Entschädigungen erhalten - weder für die Kredite, die es Deutschland gezwungenermaßen zur Verfügung stellte, noch für die Schäden, die das Land im Zweiten Weltkrieg erlitten hat."
Der Bericht basiert auf 761 Bänden Archivmaterial, darunter Verträge, Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen. Laut dem Chef der Kommission, Panagiotis Karakousis, mussten die Experten 190.000 Seiten durcharbeiten, die über mehrere Archive verstreut waren, manche davon habe man in Säcken in Kellern öffentlicher Gebäude gefunden.
Die Zeitung nennt keine konkreten Zahlen aus dem Bericht. Laut früheren Berechnungen griechischer Organisationen schuldet Deutschland dem Land 108 Milliarden Euro für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Infrastruktur und weitere 54 Milliarden Euro für erzwungene Kredite, die Griechenland zwischen 1942 und 1944 an Nazi-Deutschland zahlen musste. Das Geld war von der griechischen Notenbank vergeben worden und diente der Versorgung und Entlohnung der deutschen Besatzungskräfte.
Die Gesamtsumme von 162 Milliarden Euro entspricht rund 80 Prozent des heutigen griechischen Bruttoinlandsprodukts. Sollte sie jemals ausgezahlt werden, könnte sie die gröbsten Schuldenprobleme des Landes lösen. Die Bundesregierung sieht die Entschädigungsfrage hingegen als erledigt an.
"Die Regierung muss den Bericht öffentlich machen"
Auch die griechische Regierung tritt auf die Bremse. Sie stuft den Bericht als besonders heikle Angelegenheit ein, weil sie fürchtet, er könne das Verhältnis zum wichtigsten Geldgeber Europas beschädigen.
Die Meinung im Land ist eine andere. "To Vima" fasst die Gefühle vieler Griechen zusammen. Die Zeitung fordert: "Die historische Verantwortung liegt nun bei der Drei-Parteien-Koalitionsregierung. Sie sollte alle Ergebnisse veröffentlichen und eine Haltung zu diesem heiklen Thema finden, das zu einer Zeit, in der wir unter extremem Druck unserer Geldgeber stehen, wie eine Bombe explodiert."
Politische Beobachter glauben, dass die griechische Regierung den Konflikt mit Deutschland scheut. Die offizielle Haltung formulierte kürzlich der stellvertretende Finanzminister Christos Staikouras: Griechenland betrachte das Thema als offen und "behalte sich das Recht vor () eine befriedigende Lösung zu schaffen".
Die Zuständigkeit für den Bericht liegt mittlerweile nicht mehr alleine beim Finanzministerium. Das Außenministerium ist involviert, und auch Premierminister Antonis Samaras hat die 80 Seiten erhalten. "Es wird eine Entscheidung auf höchster Ebene über die Veröffentlichung geben, und Samaras wird darüber entscheiden", sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter SPIEGEL ONLINE. "Dies ist nicht die richtige Zeit, um einen Streit mit Berlin anzufangen."
 
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