SPIEGEL ONLINE
08.04.2013
 
Geheimabkommen
Pakistans Drohnendeal mit der CIA
Von Hasnain Kazim, Islamabad
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Wie sehr ist Pakistan in den US-Drohnenkrieg verwickelt? Ein neues Buch enthüllt nun, wie die CIA das Land überredete, über pakistanischem Gebiet töten zu dürfen. Islamabad weist das zurück - tatsächlich spielt die Regierung seit langem ein doppeltes Spiel.

Es gibt nichts, worüber pakistanische Politiker sich so einig sind wie über den Drohnenkrieg der USA: Sie lehnen ihn ab. Die Angriffe aus der Luft gelten als Symbol für amerikanischen Imperialismus in der islamischen Welt, für die Herrschaft der reinen Gewalt, gepaart mit Feigheit - sitzen die Drohnenpiloten doch mehrere tausend Kilometer entfernt in ihren sicheren Räumen. In fünf Wochen wird in Pakistan gewählt, da kann man mit Anti-Drohnen-Rhetorik punkten.
Doch die Wahrheit sieht offensichtlich anders aus. Aus Interviews mit Informanten aus beiden Ländern zeichnet der "New York Times"-Journalist Mark Mazzetti ein der Sichtweise der CIA nahes Bild, wonach Pakistan den Luftschlägen aus Eigennutz zustimmte. Den geheimen Deal beschreibt er in einem Buch, das am Dienstag erscheint.
Bereits aus den bei WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsdepeschen ging Pakistans Doppelspiel hervor: Öffentlich werde man den Drohnenkrieg zwar verurteilen, stimme ihm aber insgeheim zu. In einem Bericht der damaligen US-Botschafterin in Pakistan heißt es sogar, Pakistans Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani habe mehr Unterstützung durch US-Drohnen während pakistanischer Militäroperationen gefordert.
Mazzetti beschreibt jetzt, wie es überhaupt zu der Zustimmung Islamabads kam. Demnach gelang es den pakistanischen Streitkräften nicht, Taliban-Kommandeur Nek Muhammad zur Strecke zu bringen. Der 1977 geborene Dschihadist hatte in Afghanistan gegen Nato-Truppen und in Waziristan gegen die pakistanische Armee gekämpft. Im Frühjahr 2004 ließ die Regierung sich auf ein Friedensabkommen mit dem Mann ein, doch wenig später griffen seine Männer wieder pakistanische Soldaten an.
Pakistans Militär verkaufte US-Schlag als eigenen Erfolg
Jahrelang hatte der pakistanische Militärgeheimdienst ISI der CIA einen Einsatz von Drohnen über pakistanischem Gebiet untersagt. Doch jetzt boten CIA-Leute den pakistanischen Kollegen an, Muhammad per Drohne auszulöschen, wenn im Gegenzug die USA künftig die ferngesteuerten Flugzeuge über Pakistan einsetzen dürften, um eigene Feinde zu töten.
In geheimen Verhandlungen einigten sich beide Seiten 2004 auf einen Deal: Die Pakistaner würden zustimmen, wenn sie vor jedem Drohnenangriff um Erlaubnis gefragt würden. Islamabad wollte verhindern, dass die Amerikaner über Pakistans Nuklearanlagen und über Trainingscamps für Dschihadisten fliegen, schreibt Mazzetti.
Muhammad wurde somit zum ersten Drohnenopfer in Pakistan. Eine Rakete traf im Juni 2004 einen Wohnkomplex in Süd-Waziristan und tötete mehrere Menschen, darunter auch ihn.
Der damalige pakistanische Militärsprecher, Generalmajor Shaukat Sultan, erklärte, pakistanische Soldaten hätten den Mann erwischt. Er sagte zwar nicht, wie genau das geschehen sei, betonte aber, pakistanische Hubschrauber und Artillerieeinheiten seien in der Lage, Häuser gezielt zu treffen. Man habe Muhammad mehrere Tage lang verfolgt und die Gelegenheit zum Schlag abgewartet. "Sein Tod ist eine gute Botschaft", sagte Sultan stolz. "Die Regierung meint es ernst mit ihrem Kampf gegen Extremisten." Nachbarn Muhammads behaupteten jedoch, sie hätten eine Drohne am Himmel ausgemacht. Sie vermuteten einen Luftschlag der Amerikaner. Sultan wies das als "absolut absurd" zurück. Es war eine Lüge.
"Große Hilfe im Kampf gegen Terroristen"
So kurz vor den Wahlen in Pakistan kommt diese Enthüllung ungelegen. Die Regierung in Islamabad reagierte deshalb sofort auf einen Vorabdruck in der "New York Times". Das Außenministerium verbreitete eine Mitteilung, wonach die Beschreibungen des Deals "jeder Grundlage entbehren" und "Propaganda" seien, "um Verwirrung über die klare Position Pakistans in dieser Sache" zu stiften. "Wir haben wiederholt betont, dass Pakistan die Drohnenangriffe als kontraproduktiv ansieht", heißt es weiter. "Sie missachten Pakistans Souveränität und verletzen internationales Recht."
Ein Vertreter der pakistanischen Regierung in den Stammesgebieten, die von den Drohnenangriffen betroffen sind, erklärte SPIEGEL ONLINE jedoch, dass es "auch auf offizieller Seite nach wie vor Zustimmung" zum Drohneneinsatz gebe. "Die amerikanischen Luftschläge sind eine große Hilfe im Kampf gegen Terroristen, und es wurden schon mehrere hochrangige Ziele getroffen", sagte er. Aus Angst vor Vergeltung wollte er seinen Namen nicht genannt wissen.
Ein pakistanischer Geheimdienstoffizier wollte den Deal auf Nachfrage nicht bestätigen, sagte aber, es gebe eine Übereinkunft mit den USA, nämlich dass diese "uns vor dem Abschuss der Rakete informieren". Das geschehe allerdings nur "fünf bis 30 Minuten vor dem Luftschlag". "Eine Möglichkeit, ihn zu verhindern, ist wegen der Kürze der Zeit sehr schwierig", sagte er. Der ISI habe in den Anfangsjahren des Drohnenkriegs der CIA Informationen über die Aufenthaltsorte von Extremisten übermittelt, tue dies aber "längst" nicht mehr. "Es stimmt, die Drohnenangriffe sind taktisch sinnvoll, sie treffen die richtigen Leute. Aber strategisch machen sie keinen Sinn, denn sie verschaffen den Extremisten großen Zulauf und verärgern die ganze Nation."
US-Diplomaten verwiesen darauf, sie dürften über den - offiziell ja nicht einmal erklärten - Krieg in Pakistan nicht sprechen. "Wer aber die Depeschen bei WikiLeaks und die umfassende Berichterstattung darüber liest, kann sich selbst ein Bild machen", sagte ein Botschaftsmitarbeiter in Islamabad. "Man kommt nicht um die Erkenntnis herum, dass die Pakistaner nicht die Wahrheit sagen, wenn sie behaupten, sie seien gegen den Drohnenkrieg."
Tatsächlich ist es für Journalisten unmöglich, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Region Waziristan in den Stammesgebieten wird von Extremisten beherrscht, Reporter dürfen dort nicht ohne Genehmigung hinreisen - und dann auch nur in Begleitung von Militärs, die einem die eigenen Erfolge zeigen wollen. Zahlen über zivile Opfer selbst in wissenschaftlichen Studien basieren auf Zeitungsberichten und Angaben von Einheimischen, die oft nach Islamabad reisen, um mit Journalisten zu sprechen. Inwieweit ihre Informationen stimmen, lässt sich nicht unabhängig überprüfen.
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