SPIEGEL ONLINE
10.04.2013
 
Überfälle auf fahrende Lastwagen
Klauen wie bei James Bond
Von Rainer Leurs
Video abspielen
Eine spektakuläre neue Überfall-Masche beschäftigt die Ermittler: Bei voller Fahrt knacken Diebe auf der Autobahn unter Lebensgefahr die Hecktüren von Lastwagen. Bisher waren die Gangster vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiv, jetzt gibt es einen ersten Fall in Niedersachsen.
Es war ein ungewöhnlicher Anruf, den ein Lastwagenfahrer bei Hildesheim in der Nacht zum Mittwoch bekam. Die Hecktüren an seinem Lkw stünden offen, sagte ein Kollege aus der Speditionszentrale dem verblüfften Trucker. Ein Alarmsystem im Laster hatte angeschlagen und ein Signal an die Firma gefunkt - darauf entschloss man sich dort, den Fahrer zu warnen. Nur parkte der Mann zu dem Zeitpunkt nicht etwa auf einem Rastplatz - er war mit 80 Stundenkilometern unterwegs auf der A7. Unbekannte hatten die Türen seines Lasters geknackt und versucht, die Ladung zu klauen. Bei voller Fahrt.
Eine spektakuläre neue Masche beschäftigt seit einigen Monaten die deutschen Ermittler. Auf akrobatische Weise versuchen Kriminelle, während der Fahrt Lastwagen aufzubrechen und die Fracht zu plündern. "Truck Robbery" nennt die Polizei das Prinzip, das vor allem auf den Autobahnen Nordrhein-Westfalens um sich greift. Rund 50 Fälle habe es dort seit November gegeben, sagt Barbara Vogelsang von der Staatsanwaltschaft Dortmund. Der Vorfall von der A7 war offenbar der erste in Niedersachsen.
Der Ablauf sei bei diesen Geschichten immer ähnlich, sagt Vogelsang. Auf der Autobahn suchen sich die Banditen eine Stelle, an der der Verkehr ohnehin verzögert ist - eine Baustelle etwa. Dann operieren sie mit drei Autos: Eines setzt sich unauffällig vor den Beutelaster, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Im Rückraum hält sich ein weiteres Auto, um Überholmanöver zu verhindern. Und ein drittes fährt dicht auf, um an die Heckklappe des Lkw heranzukommen. Über das offene Sonnendach des Verfolgerfahrzeugs klettert einer der Ganoven auf die Motorhaube, bricht die Heckklappe des Lasters auf und reicht die Beute an einen Komplizen weiter - ebenfalls übers Sonnendach.
Es ist eine abenteuerliche, beinahe grotesk wirkende Zirkusnummer, bei der zumindest der Mann auf der Kühlerhaube sein Leben riskiert. Umso rätselhafter, dass die Täter nach Ansicht der Staatsanwaltschaft vorher nicht genau wissen, ob der jeweilige Lkw überhaupt Wertvolles geladen hat - dafür spreche, dass die Täter zuweilen bei der Wahl ihrer Beutelaster danebenliegen, sagt Vogelsang.
Handliche und wertvolle Beute
Rund 250.000 Euro Schaden haben die Ganoven in NRW schon angerichtet, bevorzugt klauen sie Handys, Laptops und andere Elektroartikel. Die Ermittler scheinen mit ihrer Arbeit immer noch relativ am Anfang zu stehen. "Es ist gut möglich, dass es mehrere Gruppen sind", sagt Vogelsang. "Wir gehen aber von drei bis vier konkreten Tatverdächtigen aus."
Von den Überfällen betroffen sind Medienberichten zufolge besonders Paketdienstleister - vermutlich, weil deren Transporter handliche und wertvolle Beute versprechen. Zugeben, dass man seine Ladung an Posträuber auf der Autobahn verliert, will bei den entsprechenden Unternehmen allerdings niemand.
"Ich weiß, dass generell die Branche davon betroffen ist", sagt Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbands internationaler Express- und Kurierdienstleister (BIEK). Namen nennen könne er keine, stattdessen fordert er entschlossenes Handeln der Behörden. "Es ist von größtem Interesse, dass diese Vorfälle aufhören", sagt er. "Sie können sich vorstellen, wie besorgt wir um unsere Fahrer sind."
Polizei-Merkblatt für Trucker
Tatsächlich sind die Plünderungen während der Fahrt nur eine Variante, mit der Verbrecher in Deutschland Fernfahrern auf den Leib rücken. Immer öfter geraten Lastwagen ins Visier von Kriminellen - immerhin werden täglich Güter im Wert von vielen Millionen Euro durch die Gegend gefahren, und der Einfallsreichtum der Räuber kennt keine Grenzen. Vor allem auf Rastplätzen werden systematisch Planen aufgeschlitzt und Ladeflächen leergeräumt, vereinzelt leiteten die Täter sogar Gas ins Führerhaus, um den Fahrer zu betäuben.
Neu ist nun die waghalsige Überfallvariante bei voller Fahrt - und die Behörden nehmen sie überaus ernst. "Achten Sie auf Fahrzeuge, die längere Zeit dicht vor, neben und/oder hinter Ihrem Fahrzeug fahren", schreibt etwa das Polizeipräsidium Münster in einem Merkblatt für Trucker und warnt vor "Diebstahl von der Ladefläche während der Fahrt auf Bundesautobahnen".
Ein einziges Mal ist es Ermittlern bereits gelungen, einen Truck-Robbery-Fall live zu beobachten: Per Wärmebildkamera filmte die rumänische Polizei im Jahr 2012, wie ein einzelner Wagen von hinten an einen Lkw heranfährt und ein Mann über die Motorhaube die Hecktüren knackt. Das Video dieses Raubzugs kursiert seither im Internet; inzwischen sollen die Einbrecher der Polizei ins Netz gegangen sein.
Auch der Überfall bei Hildesheim in der Nacht zum Mittwoch ging für die Kriminellen misslich aus. Der Spediteur hatte vorgesorgt und seinen mit Zigaretten beladenen Lastwagen zusätzlich gesichert. Es gab eine Alarmanlage und Extraschlösser am Zugang zur Ladefläche - die Ganoven bekamen nur die Heckklappe auf, danach war Schluss. Die Täter seien ohne Beute geblieben, sagte ein Polizeisprecher. Für dieses Mal.
» MEHR PANORAMA
» ZURÜCK ZUR HOMEPAGE
» ARTIKEL VERSENDEN
 
SUCHE IN SPIEGEL MOBIL
Politik | Wirtschaft | Börse | Panorama | Sport | Kultur | Wissenschaft | Gesundheit | Netzwelt | Uni | KarriereSPIEGEL | Schule | Reise | Auto | Wetter | Ticker | Fotostrecken | Video | English Site | manager-magazin.de
» Zum mobilen RSS
» NACH OBEN
© SPIEGEL ONLINE
Impressum Alle Rechte vorbehalten