SPIEGEL ONLINE
18.04.2013
 
Hausdurchsuchung
Fake-Doktortitel bringt Bloggerin Polizeibesuch ein
Von Oliver Trenkamp
Eva Ihnenfeldt
Ihre Kinder kauften ihr aus Jux einen falschen Doktortitel, sie schrieb darüber in ihrem Blog - und jetzt klingelte die Polizei bei der Dortmunderin Eva Ihnenfeldt. Die Beamten durchsuchten Wohnung und Geschäftsräume der Bloggerin. Wegen des Verdachts auf Titelmissbrauch.
Selbst der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt: "Ich kann verstehen, dass kritisch nachgefragt wird." Auch wenn er hinzufügt: "Wir sind nicht in Redaktionsräume einmarschiert." Das allerdings sieht Eva Ihnenfeldt, 54, vierfache Mutter, zweifache Großmutter, Bloggerin, ein bisschen anders: Ihre Geschäftsräume sind aus ihrer Sicht ihre Redaktion - und eben die wurden durchsucht, ebenso ihre Wohnung.
Denn Ihnenfeldt steht im Verdacht, sich als "Dr. h.c. of Ministry MDLC Institute (USA)" bezeichnet und somit einen Titel geführt zu haben, der offenbar aus Sicht der Ermittler einem akademischen Grad zum Verwechseln ähnlich sieht. Deshalb ließ die Staatsanwaltschaft Lübeck Ihnenfeldts Wohnung in Witten durchsuchen und ihr Büro in Dortmund, die örtliche Polizei wurde um Amtshilfe gebeten. Am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr rückten die Beamten an, Ihnenfeldt war gerade aufgestanden, trug noch ihren Bademantel, so erzählt sie es.
Eva Ihnenfeldt hatte sich tatsächlich einmal als "Dr. h.c. of Ministry" bezeichnet, allerdings in einem Blog-Eintrag, der das Problem dieser käuflichen Scherzartikel-Titel thematisiert. Darin beschreibt sie, wie ihre Kinder ihr einen solchen Titel zum Geburtstag geschenkt haben, im März 2012, also vor über einem Jahr. Die Ironie in ihrem Blog-Eintrag ist auch beim oberflächlichen Lesen nicht zu übersehen.
Ein SPIEGEL-ONLINE-Autor hatte selbst einmal ein ähnliches, aber aufwendigeres Experiment durchgeführt und sich den Fake-Titel sogar in den Personalausweis eintragen lassen. Angeboten werden die Titel zum Teil als Schnäppchen für 39 Euro, zum Teil auch für einige hundert Euro. Sie stammen oft aus den USA und werden verliehen von amerikanischen Kirchen - als angebliche Ehrendoktorwürde.
War die Hausdurchsuchung wirklich verhältnismäßig?
Der Eintrag von Ihnenfeldt reichte jedoch, um bei Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Amtsrichter die Überzeugung reifen zu lassen: "Mildere Ermittlungsmaßnahmen, die in gleicher Weise geeignet wären, zur Aufklärung des Sachverhalts und zur Beschaffung von Beweismitteln beizutragen, sind nicht ersichtlich", wie es in dem Durchsuchungsbeschluss laut Ihnenfeldt heißt.
Eine Hausdurchsuchung wegen eines gekauften Fake-Titels? Wegen eines Titels, den Ihnenfeldt auf keiner ihrer Firmenseiten oder in ihrem Twitter-Profil nutzt? Wegen einer mutmaßlichen Tat, die mit Geldstrafe, maximal mit einem Jahr Haft geahndet wird? "Da drängt sich der Eindruck der Unverhältnismäßigkeit auf", kritisiert Silke Bender vom Deutschen Journalistenverband NRW, bei dem die Bloggerin Mitglied ist. Natürlich könne Ihnenfeldt ihren Arbeitsplatz als Redaktionsbüro sehen, schließlich arbeitet sie da auch redaktionell, sagt Bender.
Bei der Staatsanwaltschaft heißt es, man habe ursprünglich gegen den Verkäufer der Titel ermittelt. Dabei sei man auch auf einige Dutzende Titelkäufer gestoßen, auf die dann die Ermittlungen ausgeweitet wurden. Zudem sei der Durchsuchungsbeschluss sehr differenziert formuliert gewesen, so sei etwa der Computer der Verdächtigen ausgenommen worden. Ihnenfeldt sagt, die Polizisten hätten vor allem nach Papieren gesucht, nach Visitenkarten und nach der Rechnung des Titelkaufs. "Als fleißige 'Tatort'-Guckerin" sei sie aber überrascht, dass bei so einer Lappalie Beamte das Haus durchsuchen dürften.
"Viele Durchsuchungen verstoßen gegen das Prinzip der Verhältnismäßigkeit", mahnte schon vor Jahren der damalige Verfassungsrichter Rudolf Mellinghof in der "taz". Er war elf Jahre lang für die Prüfung von Hausdurchsuchungen zuständig und warnte vor "Fallkonstellationen, die ganz eindeutig verfassungswidrig sind und trotzdem von Richtern durchgewinkt werden". Denn die Unverletzlichkeit der Wohnung ist ein hohes Gut, das ausdrücklich vom Grundgesetz geschützt wird.
Ihnenfeldt kann sich das drastische Vorgehen nur mit einer "allgemeinen Hysterie" nach all den Plagiatsaffären erklären. Sie hat ihren Anwalt eingeschaltet, denn sie wolle wenigstens die Fake-Urkunde zurückhaben, die liege momentan bei den Ermittlern.
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