SPIEGEL ONLINE
17.05.2013
 
SPD-Wahlkämpferin Joost
Steinbrücks Netzexpertin will festen Frauenplatz in Talkshows
Von Veit Medick und Annett Meiritz
MARCO-URBAN.DE
SPD-Wahlkämpferin Joost: "Das kann doch nicht euer Ernst sein"
"Auch meine Oma muss das Internet verstehen": SPD-Wahlkämpferin Gesche Joost will die Netzpolitik massentauglich machen. Im Interview spricht Peer Steinbrücks Web-Expertin über Computerkurse für Rentner und Fehler von Facebook. Zudem überrascht sie mit einem frauenpolitischen Vorschlag.
Berlin - Designforscherin Gesche Joost, im Team von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für Netzpolitik zuständig, hat sich für einen festen Frauenplatz in Talkshows und Konferenzen ausgesprochen. "Klar ist, dass sich etwas ändern muss", sagt Joost SPIEGEL ONLINE. "Eine Selbstverpflichtung von Redaktionen und Veranstaltern, dass in Talkshows oder Panels stets beide Geschlechter vertreten sein müssen, würde ich sehr begrüßen."
Joost will zudem große Internetfirmen wie Facebook und Google zu einem sensibleren Umgang mit Daten zwingen. "Die großen Internetkonzerne handeln in Sachen Datenschutz unverantwortlich", sagt sie. Es dürfe nicht sein, dass sich etwa Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Netzwerken von allein ändern würden, ohne dass Nutzer davon etwas mitbekämen. "Das darf nicht dem Markt überlassen werden. Die Politik muss die Konzerne in die Pflicht nehmen, mit privaten Informationen behutsam umzugehen."
Lesen Sie hier das gesamte Interview mit SPD-Wahlkämpferin Gesche Joost:
SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Stiftungsprofessur der Telekom an der Berliner Universität der Künste. Wie ist das mit ihrer Funktion als Netzexpertin im Team von Peer Steinbrück vereinbar?
Joost: Ich sehe da keinen Interessenkonflikt. Es ist üblich, dass Universitäten und Unternehmen mit einem gemeinsamen Forschungsinteresse zusammenarbeiten. Die Telekom hat die Professur der Universität gestiftet, die mich dann darauf berufen hat, ich bin Beamtin des Landes Berlin. Und es ist klar, dass ich eine freie Meinung habe. Ich bin nicht Vertreterin der Telekom, das kann ich sehr gut trennen.
SPIEGEL ONLINE: Na, dann mal los: Was halten Sie von den Plänen der Telekom, eine Datenbremse für Vielnutzer einzuführen?
Joost: In Tarifmodelle kann sich Politik nicht einmischen. Der kritische Punkt ist aber, dass die Telekom hauseigene Dienste von der Drosselung ausnehmen will. Das führt zu einer Zweiklassengesellschaft im Internet und das widerspricht einem freien und innovationsfreudigen Netz. Wir brauchen ein Gesetz, das die Netzneutralität festschreibt. Wenn der offene Zugang in Gefahr ist, muss die Politik regulierend eingreifen.
SPIEGEL ONLINE: In netzpolitischen Fragen gibt es in der SPD viele Positionen. Beispiel Vorratsdatenspeicherung: Die SPD-Spitze verteidigt sie, viele Netzpolitiker lehnen sie ab. Auf welcher Seite stehen Sie?
Joost: Eine generelle Vorratsdatenspeicherung ist kritisch - Ausnahmen kann es nur bei schwersten Straftaten und nach rechtsstaatlichen Grundsätzen geben. Die Speicherung von Bewegungsprofilen lehne ich ab. Die SPD arbeitet an einer Reform des Urheberrechts und einer Strategie zum Ausbau der Breitband-Infrastruktur - in jedem Winkel Deutschlands. Ich denke, man muss noch viel Überzeugungs- und Übersetzungsarbeit für die Bürgerinnen und Bürger für diese Themen leisten. Auch darin sehe ich meine neue Aufgabe. Ich will ein tiefgreifendes Verständnis dafür schaffen, dass Netzpolitik kein Rand- sondern ein Zukunftsthema ist, das alle angeht. Auch meine Oma muss das Internet verstehen können.
SPD-Wahlkämpferin Joost: "Das kann doch nicht euer Ernst sein"
SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das Thema massentauglich machen? Wer nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, hat mitunter ja schon Probleme, eine Tastensperre zu bedienen.
Joost: Manchmal ist es ganz einfach. Ich forsche mit meinen Doktoranden über ein Nachbarschaftsprojekt in Berlin-Mitte, einem Senioren-Computer-Club. Da bringen sich Ältere Skypen, Fotoshoppen, Programmieren gegenseitig bei, alles auf hohem Niveau. Ich will mich dafür einsetzen, dass solche Projekte politisch und finanziell gefördert werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das aussehen?
Joost: Wir könnten zum Beispiel Bildungsgutscheine dafür bereitstellen. Computerkurse für Senioren sind viel mehr als die Vermittlung von Technik. Sie können helfen, ältere Menschen zusammenzubringen, zu integrieren und selbstbewusster zu machen. Das meine ich, wenn ich sage, Netzpolitik ist Gesellschaftspolitik.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen im Internet auch eine Möglichkeit, neue Partizipationsformen zu schaffen. Online-Petitionen sind schwer im Kommen. Aber kann die Demokratie per Mausklick funktionieren?
Joost: Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Einerseits kann man durch das Netz auf einen Schlag viele Menschen erreichen. Ich selbst gebe auch gern Mitmach-Workshops. Dazwischen Brücken zu schlagen, zwischen analog und digital, ist mein Ziel. Und dazu gehören auch Beteiligungsplattformen online.
SPIEGEL ONLINE: Gerade läuft eine neue Debatte um Bezahlmodelle im Internet. Auf Twitter tauschen sich Leute aus, wie viel sie im Monat für Inhalte im Netz zahlen würden. Wie viel Geld im Monat finden Sie angemessen?
Joost: Viele netzaffine Leute begreifen langsam, dass hinter jedem Inhalt auch ein Kopf steckt, der ihn erarbeitet hat. Die Gratiskultur nimmt ab, auch das Image von illegalen Plattformen hat zu Recht stark gelitten. Auf der anderen Seite suchen die Verlage noch immer angemessene Bezahlmodelle. Diese Frage regelt sich nicht von allein. Ich würde einen Runden Tisch mit Verlagshäusern, Autoren, Künstlern und Aktivisten begrüßen.
SPIEGEL ONLINE: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat sich mit großen Internetkonzernen angelegt, um diese zu mehr Datenschutz zu bewegen. Teilen Sie Aigners Anliegen?
Joost: Die großen Internetkonzerne handeln in Sachen Datenschutz unverantwortlich. Es geht nicht, dass sich Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Netzwerken von allein ändern, ohne dass Nutzer davon etwas mitbekommen. Das darf nicht dem Markt überlassen werden. Die Politik muss die Konzerne in die Pflicht nehmen, mit privaten Informationen behutsam umzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man über Sie liest, fallen meist die Attribute jung und weiblich. Fühlen Sie sich als Quotenfrau im Kompetenzteam?
Joost: Das war sicher nicht Grund meiner Berufung ins Kompetenzteam. Trotzdem finde ich den Begriff nicht schlimm, ich bin ein echter Fan der Frauenquote. Ich habe in meiner Laufbahn viele Gremien, Unternehmen und Stiftungen von innen gesehen. Da sitzen meist nur Männer, und zwar 60 plus. Dafür habe ich kein Verständnis mehr, das geht so nicht.
SPD-Wahlkämpferin Joost mit den SPIEGEL-ONLINE-Redakteuren Annett Meiritz und Veit Medick
SPIEGEL ONLINE: Sie werden im Wahlkampf auf vielen Podien und in Talkshows sitzen. Können Sie sich vorstellen, Panels und Konferenzen zu meiden, die fast ausschließlich aus Männern bestehen?
Joost: Sagen wir es mal so: Eine feste Quote von fifty-fifty für jede Gesprächsrunde wäre mir zu radikal. Aber klar ist, dass sich etwas ändern muss. Gerade wurde ich wieder in ein Gremium eingeladen, das fast nur aus Männern bestand. Da habe ich mich dann beschwert und gesagt: Das kann doch nicht euer Ernst sein. Eine Selbstverpflichtung von Redaktionen und Veranstaltern, dass in Talkshows oder Panels stets beide Geschlechter vertreten sein müssen, würde ich sehr begrüßen.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Peer Steinbrück eigentlich kennengelernt?
Joost: Ich wurde vor ein paar Jahren in ein Ranking gewählt, das die "Hundert Köpfe von morgen" kürte. Da wurde Peer Steinbrück auf mich aufmerksam und holte mich - damals war er noch Finanzminister - in seinen Gesprächskreis. Anfang dieses Jahres sprachen wir zum ersten Mal darüber, ob ich in seinem Wahlkampf als Internet-Expertin auftreten könnte, konkrete Vorgespräche gab es dann im März. Von der endgültigen Entscheidung habe ich kurz vor Himmelfahrt erfahren.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie sind ein freier Kopf. Mit welchen SPD-Positionen stimmen Sie denn nicht überein?
Joost: Ich kenne natürlich die Ziele der Partei, und die teile ich im Grundsatz alle, auch gerade die netzpolitischen Positionen. Wenn ich andere Meinungen vertrete, werde ich mich im Wahlkampf nicht verstellen. Ich glaube, die SPD muss für traditionelle Arbeitsmodelle und Start-ups gleichermaßen da sein. Dass die SPD sich nur um den Facharbeiter kümmert, ist doch ein Modell von vorgestern.
 
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