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28.05.2013
 
Unsinnsprojekte bei der Bundeswehr
Die Gurken der Truppe
Von Sven Röbel
FOTOSTRECKE
Luftkissenboote, die nicht fliegen, wasserscheue U-Boote und exklusives Militär-Nasenspray: Der "Euro Hawk"-Skandal ist nicht der einzige Missgriff der Bundeswehr. Eine Übersicht der absurdesten Flops.
Berlin - Den Soldaten der Zukunft bremst weder Stock noch Stein, weder Fluss noch Sumpf: Über solche Hindernisse soll er künftig einfach hinwegschweben - per Luftkissenboot. Das jedenfalls wünscht sich die Bundeswehr - und sucht seit mehr als zwölf Jahren nach einem geeigneten, amphibischen Transporter für die Truppe. Insgesamt 65 Luftkissenfahrzeuge, so machte der Bundesrechnungshof unlängst publik, will das Verteidigungsministerium dafür anschaffen. Kostenpunkt: knapp 20 Millionen Euro.
Das militärische Zukunftsprojekt ist allerdings ins Stocken geraten: Die Tests mit zwei Prototypen scheiterten und kosteten den Steuerzahler bereits 1,1 Millionen Euro. Und auch ein dritter Prototyp, der 2009 endlich den Durchbruch bringen sollte, funktionierte nicht: Die zuständigen Bundeswehrbeschaffer hatten das Gerät bei einem Gebrauchtwagenhändler geordert, der laut Rechnungshof "im Bootshandel" allerdings "gänzlich unerfahren war".
Die Luftnummer mit den Luftkissentransportern und der jüngste 656-Millionen-Euro-Skandal um die Aufklärungsdrohne "Euro Hawk" sind längst nicht die einzigen Beschaffungsflops, die der Bundeswehr und ihrer Führung seit Jahren Negativschlagzeilen bescheren. Fragwürdige Projekte und kostspielige Fehlentscheidungen, so scheint es, haben in der Truppe Tradition.
So monierte der Bundesrechnungshof im vergangenen November die Ausgabe von rund 20 Millionen Euro, die in den Neubau einer Fabrik geflossen waren, in der die Bundeswehr eine eigene Medikamenten- und Kosmetiklinie herstellen lässt. Dabei, so der Tenor der Prüfer, könnten die dort fabrizierten Produkte wie Nasenspray, Sonnencreme oder Lippenschutzstifte wesentlich günstiger beschafft werden - auf dem freien Markt.
Noch verheerender fiel die Kritik der Finanzkontrolleure an der Beschaffung von Hunderttausenden Handfeuerwaffen aus, die aus Sicht des Bundesrechnungshofs nur noch bedingt auf die Bedürfnisse der kämpfenden Truppe abgestimmt sei. So würden neue Waffen seit vielen Jahren ohne Gesamtkonzept eingeführt; bei Nachbestellungen würden zudem "alarmierende Einsatzerfahrungen" schlicht ignoriert.
Bundeswehr scheitert immer wieder an eigenen Sparvorgaben
Bereits 2011 hatten die Rechnungsprüfer den gigantischen Fahrzeugpark der deutschen Streitkräfte angeprangert. Durch hohe Verwaltungskosten, doppelte Zuständigkeiten und mangelhaftes Fuhrpark-Management verschleudere die Bundeswehr Milliardensummen und scheitere immer wieder an den eigenen Sparvorgaben, berichtete das "Handelsblatt" damals.
Jahr für Jahr dringen solch abenteuerliche Details aus den sorgfältig abgeschirmten Beschaffungsdienststellen der Bundeswehr ans Licht der Öffentlichkeit. Mal geht es um mobile Radarsuchgeräte für 25 Millionen Euro, deren Einsatztauglichkeit von Anfang an fraglich ist, mal um angemietete Flugzeugschlepper, die beim Transport von Kampfflugzeugen versagen, oder um Notfallfunkgeräte, die in den Bergen Afghanistans den Geist aufgeben.
In unangenehmer Erinnerung ist den Beschaffern des Verteidigungsministeriums auch jene "Zielsimulationshalle" für 16 Millionen Euro, deren Projektionswand sich nicht von den Spuren reinigen ließ, die Munition und Geschosse hinterließen: Selbst teuer angeschafftes Säuberungsgerät, gefertigt aus den Ohrhaaren südamerikanischer Rinder (eine Million Euro), schaffte laut Bundesrechnungshof keine Abhilfe.
Derartige Summen verblassen jedoch angesichts der astronomischen Summen, die internationale Rüstungs-Joint-Venture wie der "Eurofighter" oder das Truppentransportflugzeug A400M verschlingen. In der globalisierten Welt militärischer Großaufträge sind Kostenexplosionen, Produktionsverzögerungen oder Nachbesserungsforderungen mittlerweile an der Tagesordnung.
Und durch die strengen Geheimhaltungsvorschriften und die extrem komplexen Vertragswerke solcher Projekte werden Missstände oft erst dann publik, wenn es bereits zu spät ist.
Da geht es dem "Euro Hawk"-geplagten Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) heute nicht anders als seinen Amtsvorgängern in den sechziger Jahren: Damals stellten die Verantwortlichen auf der Bonner Hardthöhe mit Schrecken fest, dass die teuer beschafften Unterseeboote der Klasse 201 einen folgenschweren Schönheitsfehler hatten: Sie waren aus einem Stahl gebaut, der in Salzwasser schnell korrodierte und für U-Boote nicht geeignet war. Die ersten zwei Boote wurden nach nur einem Jahr wieder außer Dienst gestellt.
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