SPIEGEL ONLINE
29.05.2013
 
Einsatz am Hindukusch
Bundeswehr beschönigte Sicherheitslage in Afghanistan
Von Matthias Gebauer
FOTOSTRECKE
Die Bundeswehr muss ihre Einschätzung der Sicherheitslage in Afghanistan korrigieren. Zuletzt war stets von einer leichten Verbesserung die Rede, tatsächlich haben die Angriffe auf Soldaten und Zivilisten um fast 25 Prozent zugenommen. Der angebliche Fortschritt entpuppt sich als Schönfärberei.
Berlin - Was sich am Mittwochmittag im Einsatzführungskommando in Potsdam abspielte, kann man eigentlich nur als mediales Desaster bezeichnen. Kurzfristig eingeladen, war eine Handvoll Journalisten zum Sitz des Befehlshabers für alle Auslandseinsätze gekommen. Erwartet wurde nicht viel, mitten in der heißen Phase des "Euro Hawk"-Skandals rund um Minister Thomas de Maizière spielen Missionen wie in Afghanistan oder im Kosovo derzeit keine große Rolle.
Doch was Konteradmiral Rainer Brinkmann, der stellvertretende Befehlshaber, zunächst in langen Sätzen etwas unverständlich mitteilte, war ein echtes Eingeständnis. Schließlich kam heraus, dass die Truppe, aber auch die Bundesregierung die Lage in Nordafghanistan in den vergangenen anderthalb Jahren ziemlich falsch dargestellt haben. Statt einer immer stabileren Sicherheitslage, bis hinauf zum Minister als Fortschritt bezeichnet, sieht es tatsächlich düster aus.
Brinkmann musste in der Runde nun eingestehen, dass die Bundeswehr ihre Statistik über die sogenannten sicherheitsrelevanten Zwischenfälle (so nennen Militärs Angriffe auf die Truppe auf Konvois, aber auch über Selbstmordanschläge auf Zivilisten) massiv korrigieren musste. Im Detail habe es 2012 einen rapiden Anstieg gegeben - im Vergleich zum Vorjahr 2011 registrierte die Bundeswehr mit 1228 Vorfällen einen Anstieg der Angriffe und Anschläge um rund 25 Prozent.
Rund 250 Übergriffe auf deutsche Soldaten im ersten Quartal 2013
Die Entwicklung wirkt bedrohlich, steht sie doch im Gegensatz zu einem leichten Rückgang der Zahlen für das ganze Land. Die Erklärungen des Konteradmirals halfen da wenig. Er versuchte, den Anstieg als "logische Folge" der Übernahme der Sicherheitsaufgaben durch die Afghanen darzustellen. Da die rund 40.000 Kräfte der lokalen Armee und Polizei immer weiter in die Fläche vorrückten, so der Militär, komme es zwangsläufig zu mehr Vorfällen zum Beispiel mit den Taliban.
Tatsächlich aber gesteht die Bundeswehr durch die Korrektur nur ein, dass sie seit 2012 die Lage in Nordafghanistan beschönigt hat. Einen politischen Grund oder gar die Vermutung, dass man mit der Lagedarstellung den geplanten Abzug mit Argumenten unterfüttern wollte, stritt er ab. Schon im kommenden Monat will die Truppe einen strategisch wichtigen Außenposten in Baghlan schließen, Ende Oktober soll dann auch das zweitgrößte Lager in Kunduz an die Afghanen übergeben werden.
Doch während die Soldaten in Nordafghanistan die Koffer packen, wird sich die Sicherheitslage kaum verbessern. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Bundeswehrpatrouillen durch die Taliban angegriffen worden. Am 4. Mai dann wurde ein Elitesoldat bei einem Hinterhalt von Taliban aus nächster Nähe erschossen. Einer von Brinkmanns Offizieren räumte zur aktuellen Lage nun ein, dass es allein im ersten Quartal 2013 bereits um die 250 Sicherheitsvorfälle gegeben habe.
Operationen des KSK in Afghanistan als Geheimsache eingestuft
Zunächst klingt diese Zahl nicht allzu beunruhigend. Schlicht vervierfacht, käme man Ende 2013 wieder auf eine Zahl um die 1000, das wäre eine gute Nachricht. Allerdings wurden die 250 Vorfälle von Januar bis April gezählt, wegen des harten Winters in Afghanistan eine ruhige Zeit. Da die sogenannte Kampfsaison, die erfahrungsgemäß von Mai bis Ende September andauert, wesentlich intensiver werden dürfte, wird die Gesamtstatistik für 2013 sicherlich schlechter ausfallen.
Dann musste Brinkmann sich in Potsdam auch noch viele Fragen zum Tod des Soldaten der Spezialkräfte am 4. Mai in Baghlan anhören. Der Admiral bestätigte dabei eine detaillierte Darstellung der Operation und auch die Tatsache, dass sich die afghanischen Polizisten, die mit den deutschen Elitesoldaten an dem Tag operierten, zweimal während der schweren Kämpfe zurückgezogen hatten.
In der Bewertung aber wehrte sich der Vize-Befehlshaber vehement gegen die Interpretation, die Afghanen seien geflohen oder hätten die Deutschen im Stich gelassen. "Das taktische Verhalten der Afghanen war anders, als wir das angelegt hatten", sagte er lediglich. Auf Nachfragen zu Details verweigerte er weitere Auskünfte, da die Operationen der Spezialkräfte in Afghanistan bis heute von der Bundeswehr als Geheimsache eingestuft sind.
Der Auftritt wirkte spätestens ab diesem Zeitpunkt skurril. So bestritt Brinkmann, dass es in der Bundeswehr Zweifel gibt, ob man in der Zukunft weiterhin wie bisher mit den Afghanen kooperieren könne. Dies hatte kürzlich der Generalinspekteur der Bundeswehr vor einer kleinen Runde von Sicherheitspolitikern recht eindeutig gesagt. Brinkmann hingegen postulierte, es gebe "keinen Grund, an der Zuverlässigkeit und auch am Kampfeswillen der Afghanen zu zweifeln".
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