SPIEGEL ONLINE
06.07.2013
 
Asyl-Sucher Snowden
Der unsichtbare Star von Scheremetjewo
REUTERS
Nach zwei Wochen im Moskauer Flughafen werden Edwards Snowdens Aussichten auf eine Ausreise immer besser: Nach Venezuela und Nicaragua hat ihm nun auch Bolivien Asyl angeboten. Am Flughafen ist Snowden mittlerweile zu einer Art Attraktion geworden - wenn auch einer unsichtbaren.
Ist Edward Snowdens Zeit im Transitbereich des Moskauer Flughafens bald vorbei? Für den ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter, der die größte Serie an Enthüllungen über Abhörprogramme der USA und anderen Ländern ermöglicht hat, bieten sich immer mehr Optionen, wo er Unterschlupf finden könnte: Nach Venezuela und Nicaragua hat ihm nun auch Bolivien Asyl angeboten.
Bolivien werde Snowden Zuflucht gewähren, wenn dieser einen Asylantrag in dem Land stelle, sagte der bolivianische Präsident Evo Morales bei einer Rede in Oruro am Samstag. Einer bolivianischen Regierungsmaschine mit Morales an Bord war in der Nacht zum Mittwoch der Überflug über mehrere europäische Länder verweigert worden, weil Snowden an Bord vermutet worden war. Das aus Moskau kommende Flugzeug musste in Wien notlanden und durfte erst 13 Stunden später nach einer Durchsuchung weiterfliegen. Morales zeigte sich zutiefst erbost und sagte, der Verdacht sei völlig abwegig gewesen.
Der Vorfall hatte international scharfe Kritik hervorgerufen. Nach Angaben der Enthüllungsplattform WikiLeaks hat Snowden in 27 Staaten um Asyl angefragt, bisher hatte er aber vor allem Absagen erhalten, darunter auch eine aus Deutschland. Der 30-Jährige hält sich aller Wahrscheinlichkeit nach seit rund zwei Wochen im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf.
Von Aeroflot mit Essen versorgt?
In Scheremetjewo ist Snowden längst zu einem beliebten Phantom geworden. Reisende, die sich im Transitbereich aufhalten, haben es sich zur sportlichen Aufgabe gemacht, ein Foto des Flüchtigen zu erhaschen - allerdings, so scheint es, noch ohne Erfolg. Wie Snowden sich mit Essen versorgt, schläft und sich wäscht, gibt den Reisenden Rätsel auf: "Das W-Lan ist katastrophal, die Preise grauenvoll, und keiner der Leute hier lächelt", sagte ein Tourist der Nachrichtenagentur Reuters. "Meinen Respekt, dass er es überhaupt 24 Stunden hier durchgehalten hat, geschweige denn zwei Wochen. Ich an seiner Stelle hätte einen Gerichtsprozess vorgezogen."
Die Flughafenmitarbeiterin Olga Samsonowa, die seit 18 Jahren als Kellnerin in Scheremetjewo tätig ist, spekulierte gegenüber Reuters, dass Snowden Essen von der russischen Fluggesellschaft Aeroflot erhalte. "Ich kann nichts über den Geschmack sagen, aber es ist nahrhaft, mehr oder weniger. Und du kriegst Joghurt von ihnen zum Frühstück." Samsonowa erzählte auch, dass sie schon erlebt habe, wie Dutzende von Leute - vor allem Asylsuchende - zeitweise Unterschlupf im Flughafen gefunden hätten. Eine iranische Frau habe sogar fast ein Jahr dort verbracht, bevor sie Asyl in Kanada erhalten habe. "Wenigstens gibt es hier viele Sitzmöglichkeiten", sagte Samsonowa. Ob Edward Snowden die noch länger brauchen wird, ist seit den Angeboten aus Mittel- und Südamerika unklarer denn je.
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