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06.08.2013
 
Anschlagswarnung der USA
Al-Qaidas neuer Terror-Manager
Von Raniah Salloum
DPA/ IntelCenter
Qaida-Chef Sawahiri hat Berichten zufolge den Anführer des Terrornetzwerks im Jemen zur Nummer zwei bestimmt. Nasser al-Wuhaischi soll nun für die Planung neuer Anschläge gegen den Westen zuständig sein. Seine Ernennung könnte ein Grund für die US-Terrorwarnungen sein.
Aiman al-Sawahiri ist von Anfang an dabei. Den allerersten Anschlag des Terrornetzwerks al-Qaida soll er mit geplant haben: Vor fast genau 15 Jahren, am 7. August 1998, explodierten gleichzeitig zwei mit Sprengstoff beladene Lastwagen vor den US-Botschaften in Daressalam und Nairobi. Mehr als 200 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, darunter wenige US-Staatsbürger.
Der 62-jährige Mediziner Sawahiri folgt im Schatten des jüngeren, theologisch weniger versierten aber reicheren und charismatischeren Osama Bin Laden. Wie er landet er auf der "Most wanted"-Terroristenliste des FBI. Auf seinen Kopf sind 25 Millionen Dollar ausgesetzt, so viel wie auf keinen anderen der Top Ten. Nach Bin Ladens Tod hat Sawahiri offiziell die Führung al-Qaidas übernommen.
Qaida-Ableger entwickeln sich rasant
Auch wenn die letzten Qaida-Anschläge im Westen schon lange zurückliegen - schwach ist das Terrornetzwerk unter der neuen Führung nicht. Im Gegenteil. Die regionalen Ableger sind es, die an Boden gewinnen:
AQI: Al-Qaida im Irak profitiert vom Bürgerkrieg in Syrien, wo es Waffen aus Assad-Stützpunkten erbeuten konnte. Auch werden durch den Krieg neue Mitglieder rekrutiert. AQI breitet sich in Syrien und im Irak rasant aus. Am 23. Juli konnte AQI mehr als 500 Qaida-Mitglieder aus zwei Hochsicherheitsgefängnissen im Irak befreien. Noch konzentriert sich die Gruppe auf regionale Ziele, keine westlichen.
AQIM: Al-Qaida in Nordafrika konnte von den Waffen aus den Gaddafi-Arsenalen profitieren. So konnte sich die Gruppe in Mali ausbreiten, bis eine französische Intervention sie zurückdrängte. AQIM soll am Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi 2012 beteiligt gewesen sein. Eine seiner Untergruppen führte die Geiselnahme in Ain Amenas in Algerien 2013 durch. AQAP: Al-Qaida im Jemen gilt als der Ableger mit den größten internationalen Ambitionen. 2009 schickte es den "Unterhosenbomber" in die USA, 2010 mit Sprengstoff gefüllte Pakete im Flugzeugfrachtraum und 2012 einen Doppelagenten, der für die CIA und den saudischen Geheimdienst die Gruppe unterwandert hatte - alle drei Anschlagspläne scheiterten. Nach Berichten des US-Fernsehsenders CNN sollen drei AQAP-Mitglieder an der Attacke auf das US-Konsulat in Bengasi beteiligt gewesen sein. Die USA führen im Jemen einen Drohnenkrieg gegen die Radikalen.
Aufstieg zum globalen Terror-Planer
Doch auch wenn die Ableger des Terrornetzwerks weiter aktiv sind, plagt den Ägypter Sawahiri ein ähnliches Problem wie einst Bin Laden: Seit dem US-geführten Krieg in Afghanistan - seit zwölf Jahren - lebt er im Versteck, untergetaucht an einem unbekannten Ort, nur mühsam für seine Anhänger erreichbar. Ein globales Terrornetzwerk lässt sich so nur schwer führen.
Deshalb hat Sawahiri Berichten zufolge eine neue Nummer zwei gewählt - den Chef von al-Qaida im Jemen, Nasser al-Wuhaischi. Wie der US-Analyst Seth Jones vom sicherheitspolitischen Think-Tank "Rand" und von der "New York Times" zitierte amerikanische Sicherheitsbeamte berichten, steigt der Jemenit damit zum neuen globalen Terror-Planer auf.
Der nur etwa 1,50 Meter große Wuhaischi, Osama Bin Ladens ehemaliger persönlicher Assistent, soll die Nachfolge von Abu Jahja al-Libi antreten, der 2012 in Pakistan von einer Drohne getötet wurde.
Bin Laden persönlich soll den Jemeniten für Führungsaufgaben ausgebildet haben. 2001 flüchtete er an seiner Seite aus dem afghanischen Tora Bora. Kurz später wurde Wuhaischi verhaftet und nach Jemen ausgeliefert, doch 2006 konnte er dort aus dem Hochsicherheitsgefängnis fliehen.
Qaida-Personalie könnte erhöhtes Terrorrisiko bedeuten
Diese neue Qaida-Personalie könnte hinter den aktuellen Terrorwarnungen der USA stecken. In einem ungewöhnlich drastischen Schritt hat Washington mehrere seiner Botschaften im Nahen Osten und in Afrika in dieser Woche geschlossen und öffentlich vor Qaida-Anschlägen gewarnt. US-Bürger wurden aufgefordert, den Jemen zu verlassen.
Ob ein erhöhtes Terrorrisiko besteht, ist unklar. Möglicherweise will Washington durch die Veröffentlichungen al-Qaida von einem Anschlag abhalten. Andere Beobachter spekulieren, dass die lauten Warnungen vom NSA-Überwachungsskandal ablenken sollen.
Sollte tatsächlich vom Jemen aus ein größerer Anschlag geplant werden, könnte dies damit zu tun haben, dass Nasser al-Wuhaischi als neuer globaler Terror-Planer legitimiert werden soll. Als von Sawahiri ernannter Manager ist der Jemenit Wuhaischi nun der zweitwichtigste Mann al-Qaidas.
Ein großer Anschlag wäre aus seiner und Sawahiris Perspektive ein wichtiges Signal zum Amtsantritt.
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