SPIEGEL ONLINE
11.08.2013
 
Wolkenkratzer ohne Aufzug
Der Treppenwitz von Benidorm
Von Frank Patalong
FOTOSTRECKE
Wie viel kann schiefgehen bei einem großen Bauprojekt? Jede Menge, wie der In-Tempo-Doppelturm im spanischen Benidorm zeigt: Mit seinen 47 Stockwerken gerät der Luxustraum zur Lachnummer - die Architekten vergaßen den Einbau eines funktionierenden Aufzugs.
Er sollte der Stolz von Benidorm werden - und mit 47 Stockwerken und 188 Metern Höhe das höchste Wohngebäude der Europäischen Union: Als das Modell des "Residencial In Tempo" nach drei Jahren Vorplanung im Januar 2006 vorgestellt wurde, dachte in Spanien noch niemand an eine Wirtschaftskrise. Die aber schlug zu, kurz nachdem der Bau begann. Es ging nicht recht vorwärts und offenbar auch drunter und drüber, wie jetzt bekannt wurde: So vergaß der Architekt unter anderem, für den Wolkenkratzer einen ausreichenden Aufzugschacht einzuplanen.
Verursacht wurde die nun bekannt gewordene peinliche Panne letztlich durch eine Mischung aus Gier und Inkompetenz. Ursprünglich war der "In Tempo" nur mit 20 Etagen geplant worden. Als der Auftraggeber nach mehr Mietern und Käufern verlangte, setzte der Architekt einfach 27 weitere oben drauf - nur eben, ohne an einen passenden Fahrstuhlschacht und die dafür notwendige Hebetechnik zu denken. Das fiel nun angeblich erst rund 110 Baumeter später im Januar 2012 auf, wurde aber bisher nicht öffentlich gemacht - es fällt schwer, das zu glauben.
Die bis zum 20. Stockwerk verbaute Aufzugtechnik war genau für diese Höhe ausgelegt. Als die Entscheidung zur Aufstockung kam, zog man den vorhandenen Schacht zwar weiter, bedachte aber weder, dass mehr Stockwerke auch mehr Nutzung bedeuten würden, noch, dass das Raumangebot nicht für die durch die zusätzliche Höhe notwendige Hebetechnik reichen würde. Die Spanier verbuchen das Bau-Desaster als nationale Schmach, als Fanal der Inkompetenz - wenn man so will, ist es ihr BERlin.
Pannenserie produziere Mängel in Masse
Mit Ruhm bekleckert hatten sich die Bauherren aber auch vorher nicht. Immer wieder kam es zu geldlichen Engpässen, Streiks wegen teils über Monate nicht gezahlter Löhne verzögerten den Bau.
Der begann schon langsam, weil mit nahezu altägyptischen Methoden gebaut wurde: Ein Lastenaufzug wurde erst installiert, nachdem die ersten 23 Stockwerke hochgezogen waren - bis dahin war alles Kran- und Laufarbeit. Als der Lastenaufzug den Betrieb schließlich aufnahm, kollabierte er und verletzte 13 Arbeiter.
"In Tempo" produzierte eine unendliche Kette von Pannen und - wie ein nun durch die Zeitung "El País" öffentlich gemachter Bericht zeigte - auch von Mängeln. Einen Schuldigen dafür zu finden, gestaltet sich schwierig. Finanziert wurde der Bau ursprünglich von der Bank Caixa Galicia, die 2009 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, 2010 zunächst mit Caixanova fusionierte und 2011 schließlich als NCG Banco verstaatlicht werden musste. Sie hat mit dem Bau heute nichts mehr zu tun.
Ob und wie schnell der größte Mangel des fehlenden Aufzugschachtes, der die weitere Vermarktung wohl nicht unerheblich behindern dürfte, gelöst werden kann, steht in den Sternen. Die naheliegende Möglichkeit dürfte ein Außenaufzug sein, was allerdings einen nicht unerheblichen Eingriff in das architektonische Konzept des Luxusbaus wäre.
Inzwischen hat der verantwortliche Architekt die Segel gestrichen, und das Gebäude wurde von der Sociedad de Gestión de Activos de la Reestructuración Bancaria übernommen. Die ist besser bekannt unter dem kurzen und knackigen Namen Sareb - es ist Spaniens "Bad Bank".
Offiziell heißt es weiterhin, das Gebäude solle nun bis Dezember dieses Jahres fertiggestellt werden, der Verkauf von Wohnungen gehe weiter. Allerdings, berichtet die englische Zeitung "Daily Mail", wohl mit deutlichen Preisabschlägen. Klar, wenn man laufen muss.
In einer früheren Version dieses Artikels hatte es auf Basis der Sonntag verfügbaren Informationen geheißen, der In Tempo verfüge ab Stockwerk 20 über keinen Aufzugschacht. Das ist nicht richtig: Die gebaute Lösung funktioniert nur nicht. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Red.
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